10 grobe Journalisten-Fehler in Interviews

Wo der Teufel im Detail steckt

Das Niveau eines Interviews spiegelt immer das Niveau des Interviewers, nicht das des Interviewten“, sagte Topinterviewer André Müller einst. Mal schauen, welche Niveau-Senker wir bei unsereins so finden

Von Mario Müller-Dofel*

Interview-Workshop mit (gestandenen) Journalisten einer deutschen Redaktion, thematischer Einstieg via Erfahrungsaustausch über unbefriedigende Interviews, fünf repräsentative Zitate der Redakteure:

„… Das war ein blöder Interviewpartner….“
„… Ungenießbarer Typ!…“
„… Die hat nur herumgestammelt. …“
„… Ich habe mich gefragt, warum der das Interview überhaupt gegeben hat, wenn er doch nichts sagen wollte. …“
„…Schwierig, die Dame. …“

Die Schuld alleine dem Interviewten geben – so reagieren viele Journalisten auf unbefriedigende Interviews. Dabei sind sie oft selber schuld. Dies räumten am Ende auch die Teilnehmer des oben erwähnten Workshops ein. Davor hatten sie allerdings acht Stunden lang mögliche Ursachen beleuchtet.

Unten für Sie, liebe Interviewerinnen und Interviewer, eine Zusammenfassung von zehn verbreiteten Fehlern, die es zu beheben gilt.

Stürmisch drauflos: Da kann es Interviewte schon mal wegwehen. (Foto: Hagen411/Fotolia.com)
Stürmisch drauflos: Da kann es Interviewte schon mal wegwehen. (Foto: Hagen411/Fotolia.com)

1. Niedrige Qualitätsansprüche

Journalisten betrachten keine Darstellungsform (und ihre Erarbeitung) so unkritisch wie das Interview. Kein Wunder, dass es kaum Print- oder Onlineredaktionen gibt, die wenigstens besonders wichtige Interviews von besonders gesprächsbegabten Journalisten führen lassen (ganz anders in TV und Radio). Stattdessen darf in den meisten Redaktionen jeder Journalist jeden Informanten zu jedem Zweck interviewen, sofern er dabei innerhalb seiner Ressortzäune bleibt. Ob ein Kollege oder eine Kollegin das Interview besser geführt hätte, wird im Nachhinein ja ohnehin nicht hinterfragt. Warum die Schwätzen-kann-jeder-Haltung ein Fehler ist? Der Publizist Hans-Joachim Netzer ließ sich einmal so zitieren: „Das Interview ist die schwierigste journalistische Arbeitsform überhaupt. Es verlangt genaue thematische Vorbereitung, aber dann größte Zurückhaltung des eigenen Wissens. Es verlangt Kontaktbegabung, Selbstsicherheit und Takt. Es verlangt aber auch Energie und Zielbewusstsein in der Gesprächsführung sowie Anpassung an den jeweiligen Gesprächspartner, an die Atmosphäre und an die Situation.“

2. Mangelnde Gesprächskompetenz

Ein Interview ist immer ein Dialog zwischen zwei Menschen mit Ängsten, Eitelkeiten, Interessen und Wünschen. Nur wenn der Journalist diese Einflussfaktoren bewusst wahrnimmt und trotz unterschiedlicher Interessen eine gesprächsfördernde Atmosphäre herstellt (und durchhält!), kann er das Maximum aus seinen Interviewpartnern herausholen. Denn die emotionale Ebene, das „Gesprächsklima“, beeinflusst die Kommunikationsqualität in aller Regel mehr als die Fachkenntnis des Interviewers. Anders gesagt: Je größer die Angst, Anspannung oder Antipathie des Befragten ist, desto schlechter ist seine Antwortqualität. (Derselbe Zusammenhang besteht bei Interviewern und ihrer Fragequalität.) Warum es vielen Journalisten an Interviewgeschick mangeln soll? Weil Gespräche eine überwiegend psychologische Disziplin sind, aber Journalisten sich kaum mit Kommunikationspsychologie befassen. Bedenken Sie: Von den zehn Anforderungen, die Hans-Joachim Netzer im oben stehenden Zitat aufführt, betreffen neun nicht die Fach-, sondern die emotionale Ebene. Und der in der Branche bestens vernetzte Interviewprofi Sven Michaelsen meint: „Es fallen einem viel mehr gute Porträt- und Reportageschreiber ein als gute Interviewer.“ (Ein Buchtipp für Gesprächskompetenz: Friedemann Schulz von Thun, 2014, „Miteinander reden 1-4: Störungen und Klärungen. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Fragen und Antworten.“)

3. Intransparente Gesprächsanfragen

„Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance“ lautet ein Grundsatz, der auch für journalistische Interviews gilt. Erst recht angesichts des Misstrauens, das Journalisten gemeinhin entgegenschlägt. Den ersten Eindruck von sich transportieren Interviewer mit der Gesprächsanfrage. Lässt diese viele Fragen offen (gemeint sind wichtige Infos wie Anlass, Grund, Zeitbedarf, technischer Aufwand, Form der Veröffentlichung oder Veröffentlichungszeitpunkt), ist der erste Eindruck schlecht. Warum fehlende Hintergrundinformationen problematisch sind? Zum Beispiel weil das Hauptziel der Interviewanfrage der Vertrauensaufbau ist. Schließlich muss der Adressat dem Interview erst einmal zustimmen. Je mehr Fragen der Interviewer in der Gesprächsanfrage offen lässt, desto unwissender entscheidet der Interviewpartner über eine Zu- oder Absage. Das Dumme daran: Unwissenheit verunsichert. Und je unwissender ein Angefragter ist, desto mehr neigt er dazu, sich dem Interviewer zu verschließen. Hier steht, was eine gute Interviewanfrage ausmacht.

4. Egozentrische Vorbereitung

Viele Journalisten bereiten sich fachlich gut auf Interviews vor, lassen aber ihre Interviewpartner komplett außen vor. Besser für das spätere Interviewergebnis wäre, sie von vorn herein einzubeziehen (kostet normalerweise nur ein paar Minuten, etwa für ein Vorgespräch zur Orga und zum Erwartungsmanagement). Warum ein wenig Alterozentrierung nützlich sein soll? In der Regel führen zwei sachlich und emotional gut vorbereitete Gesprächspartner ein befriedigendes Interview. Doch verantwortlich dafür ist nur einer: der Journalist. Je besser er seinen Gesprächspartner vorab auf das Interview einstellt, desto kooperationswilliger wird dieser sich im Interview verhalten. Vernachlässigt der Interviewer diese Pflicht, überlässt er die Interviewqualität dem Zufall oder seinem Gesprächspartner. Wenn Journalisten bis zur Frage-Antwort-Situation warten, um eventuellen „Beziehungsproblemen“ (also Kommunikationsstörungen) zu begegnen, sind sie häufig zu spät dran. Mehr zur bestmöglichen „Qualitätsminderungsprävention“ erfahren Sie hier.

5. Sinnlose Geheimnistuerei

Die meisten Journalisten senden ihren Gesprächspartnern vor Interviews lieber nur zwei grobe Gesprächsthemen (wenn überhaupt) als zehn konkrete Fragen zu. Angeblich, so die herrschende Meinung, beschränkten vorab versendete Fragen das Überraschungspotenzial. Zudem verlöre der Interviewpartner an Spontaneität, weil er sich vorab phrasenhafte Antworten einbleuen würde (völlig überschätzte Annahme!). Diese vermeintlichen Nachteile erweisen sich als falsch, wenn der Interviewer den Sinn und die Wirkung von Fragenlisten richtig versteht. Warum vorab versendete Fragen vorteilhaft für Journalisten sind? Das Wichtigste: Konkrete Fragen ermöglichen Interviewten, sich konkret auf die journalistischen Bedürfnisse vorzubereiten, zumal kaum ein Interviewpartner imstande ist, aus dem Stegreif alle Daten und Fakten zu präsentieren, die den Journalisten interessieren könnten. (Vergessen wir nicht, dass die meisten Interviews nicht investigativ sind, sondern der leicht verständlichen, anschaulichen Wissensvermittlung dienen sollen.) Bekommen Interviewte – die meisten haben wenig Zeit – keine Chance auf eine konkrete Interviewvorbereitung, werden sie im Gespräch viel herumeiern, abstrakt, falsch oder gar nicht antworten. Und: Wenn sie sich gut fühlen, weil sie den Interviewer zufriedenstellen, werden sie in guter Gesprächsatmosphäre auch immer wieder spontan antworten.

Auch für Journalisten sind vorab ausformulierte Fragen von Vorteil: Sie werden es im Gespräch leichter haben, sie präzise auf den Punkt zu bringen (ein echtes Problem, s. Punkt 9). Natürlich brauchen Journalisten nicht alle Fragen vorab preisgeben.

6. Hartnäckige Vorurteile

Dass die viel beschworene Objektivität im Journalismus zwar ehrenwert, aber ein Wunschtraum ist, haben Kommunikationswissenschaftler längst bewiesen. Journalisten sind eben auch nur Menschen – und Menschen haben Vorurteile. Nennen wir jene, die ihre Vorurteile besonders hartnäckig in Interviews einbringen: Gesinnungsjournalisten. Warum Gesinnungsjournalisten schlechte Interviewer sind? Zum Beispiel, weil sie vor allem ihre eigene Meinung bestätigt hören möchten und dafür besonders tendenziös fragen. Sie präsentieren sich als Richter im Namen des Publikums, sprechen mit ihren Fragen Urteile über Interviewte aus und akzeptierten keine noch so guten Gegenargumente. Aber was bringt es, wenn sich „Angeklagte“ im Gegenzug mindestens innerlich dem Interview verweigern, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen?

7. Missverstandenes „Vorgeplänkel“

Manche Journalisten meinen, nachdem sie ihren Interviewpartner begrüßt haben sei jegliches weiteres „Vorgeplänkel“ pure Zeitverschwendung – und verzichten auf ein Warm-up. Bei Interviewpartnern, zu denen man schon einen (vertrauensvollen) Zugang hat, ist das meistens okay, bei anderen jedoch ein echter Verlust. Warum die Aufwärmphase mitentscheidend für den Gesprächsverlauf ist? Nach einem guten Warm-up bekommen Journalisten in kürzerer Interviewzeit meist mehr brauchbare Antworten als in einem längeren Gespräch ohne „Vorgeplänkel“. Wenn Sie mehr über innere Widerstände bei Interviewten, menschliche Eisberge und schnelle „Schmelzmethoden“ wissen möchten, lesen Sie den ausführlichen Beitrag darüber.

8. „Tödliche“ Einstiegsfragen

Nicht wenige Journalisten vergessen, dass es „tödlich“ für ein Gespräch sein kann, wenn sie sofort mit der Tür ins Haus fallen – erst recht, wenn sie vorher auf ein Warm-up verzichtet haben. Wie dieser Stil enden kann, lesen Sie im Interview „Rekonstruktion eines Rauswurfs“. Wie clevere Einstiegsfragen dem Befragten Leben einhauchen? Mit der Einstiegsfrage sollten Interviewer ihre Gesprächspartner weder provozieren, noch mit negativen Themen konfrontieren – vorausgesetzt, sie möchten ihren Gegenüber „öffnen“ statt bewusst ein konfrontatives Gespräch mit ihm riskieren. Um den Interviewpartner zu öffnen, müssen die ersten ein, zwei Fragen für den Befragten angenehm sein, die Wortwahl des Journalisten harmlos erscheinen und sein Ton sympathisch klingen. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Interviewte zu einer interessanten Antwort animiert fühlt, die ihm wiederum Selbstsicherheit und Antwortlust gibt.

9. Schlecht formulierte Folgefragen

Gerade erst hat Interviewdozent Tim Farin aus aktuellem Anlass ein viel gelesenes „Plädoyer gegen Mehrfachfragen“ verfasst, weil schlecht formulierten Fragen meist unbefriedigende Antworten folgen. Welche die häufigsten Fragefehler sind? Die Fragen sind zu lang – und langweilen den Interviewten. Sie sind zu kompliziert – und verwirren den Interviewten. Sie klingen aggressiv – und verärgern den Interviewten. Sie sind unkonkret – und führen zu unkonkreten Antworten. Die Fragen enthalten falsche Angaben – und blamieren den Journalisten.

10. Schwache Verschriftlichung

Häufig verschriftlichen Journalisten Interviews so, dass sich der Interviewte zu wenig wiedererkennt. Übliche Gründe dafür: Der Interviewer platziert einzelne Aussagen in einem veränderten inhaltlichen Umfeld, weshalb der Interviewte sie aus dem Zusammenhang gerissen empfindet. Der Interviewer tauscht original gesprochene Wörter des Interviewten gegen Synonyme aus, die für den Interviewten ganz andere (unpassende!) Bedeutungen haben. Und der Journalist hat den Interviewten null darauf vorbereitet, was er in der Verschriftlichung aus welchen Gründen aus dem Originalgespräch machen wird (s. oben, Punkt 3). Bei aller berechtigten Kritik am Autorisierungsgebahren einiger Interviewpartner: Es ist immer zuerst der Journalist, der das Originalgespräch verändert, nicht der Interviewte. Deshalb hat der Journalist in der Verschriftlichung eine besondere Verantwortung, der er mitunter nicht gerecht wird, weil er vor allem in seinem Interesse verschriftlicht und die Zwänge und Interessen des Interviewten ignoriert. (Gleichlautendes Zitat vieler Interviewter: „Journalisten hören das, was sie hören wollen.“ Dies kann allerdings auch unbewusst passieren.) Sogar Topinterviewer Sven Michaelsen sagt: „Ich würde kein Interview geben ohne die schriftliche Zusicherung, es gegenlesen zu können. Der Grund ist, dass es Interviewer gibt, die ihr Handwerk nicht können. Niemand möchte als Knalldepp dastehen, weil ein Journalist nicht in der Lage war, gesprochene Sprache in Schriftsprache zu übertragen.“

Natürlich kann der eine oder andere oben genannte Fehler in der Produktionshektik passieren. Wenn andere dafür künftig dauerhaft wegfielen, würde die Interviewqualität steigen.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.