Die Krux mit der Objektivität

Ist mangelnde Objektivität das größte Problem des Journalismus?

Die Journalismus-Forschung stellt dem praktischen Journalismus ein verheerendes Zeugnis aus. Dies belegt ein Buch der Kommunikationswissenschaftlerin Cornelia Mothes. Bei allen Mühen um neue Geschäftsmodelle und redaktionelle Qualität: Wenn man der Forschung glaubt, ist das wichtigste journalistische Qualitätskriterium – Objektivität – vor allem ein Lippenbekenntnis.

Von Mario Müller-Dofel*, im März 2015 (doch aktuell wie eh und je)

Verantwortung: Darum geht's auch in der Debatte um journalistische Objektivität (Foto: Mathias Rosenthal/Fotolia.com)

Verantwortung: Darum geht’s auch in der Debatte um journalistische Objektivität (Foto: Mathias Rosenthal/Fotolia.com)

Journalisten haben ein  schlechtes Image. Das hat beispielsweise damit zu tun, dass viele Nicht-Journalisten meinen, Journalisten würden einseitig, unausgewogen und damit unfair berichten. Interviewpartner von Journalisten meinen gar, dass Journalisten vor allem ihr eigenes Weltbild bestätigt haben wollen. Gegenteilige Meinungen würden unsachlich in Frage gestellt oder ignoriert. „Von wegen objektiv!“, schimpfen kritische Geister. Kennen auch Sie solche Sätze? Dabei gilt Objektivität als oberstes Leitmotiv der Redaktionen.

Keine Angst vor der Wahrheit

Den Anspruch auf Objektivität bekräftigt zum Beispiel das Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit seinem neuen Claim  „Keine Angst vor der Wahrheit“. Er soll die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Magazins verkörpern. „Das Einzigartige am Spiegel-Journalismus ist der unbestechliche Blick auf die Welt, deshalb haben wir dem Spiegel diese Kommunikationskampagne ans Herz gelegt“, sagte ein Vorstand der verantwortlichen Kommunikationsagentur. Kann der Spiegel den Anspruch erfüllen? Oder stellt der neue Claim eine unerreichbare Messlatte dar? Der (radikale) Konstruktivist Prof. Paul Watzlawick hätte das wohl bejaht. Hierzu sei sein Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ empfohlen.

Wahrheit, Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit – diese Werte suggerieren Objektivität. Und objektiv wollen fast alle Journalisten sein. Objektivität gilt vielen Qualitätsmedien nicht nur als Qualitäts-, sondern auch als Abgrenzungskriterium gegenüber bekennend subjektiv publizierenden Bloggern, Bürgerreportern und anderen Nicht-Journalisten. Nicht umsonst kritisieren Journalistenverbände den Einsatz von „Bürgerreportern“ – Boulevardmedien wie die Bild-Zeitung sind hier Vorreiter – aus Sorge um Qualitätsverlust.

Objektivität auf dem Prüfstand

Wie wird Objektivität als Qualitäts- und Abgrenzungskriterium in den Redaktionen tatsächlich gelebt? Kann das überhaupt funtionieren? Halten beispielsweise Interviewpartner ihre Interviewer zu Recht für voreingenommen? Und wenn ja, was richtet das an? Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Cornelia Mothes hat überprüft, „inwiefern sich deutsche Journalisten in einem ihrer wichtigsten professionellen Abgrenzungsmerkmale – der Objektivitätsnorm – von Bürgern ohne journalistischen Hintergrund abheben“.

Die konkreten Ergebnisse von Mothes‘ Studie sollen an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Es nützt dem professionellen Journalismus nichts, nur das Hohelied der Objektivität zu singen. Es braucht viel mehr: eine intensive Debatte darüber, was Objektivität im journalistischen Alltag bedeutet, wie Journalisten ihr möglichst nahe kommen und wie objektive Berichterstattung kontrollierbar wird. Denn zwischen dem Objektivitätsanspruch im Journalismus und der gelebten Praxis klafft eine Riesenlücke.

Subjektive Auswahl

Im Folgenden sind Textpassagen aus  Cornelia Mothes‘ Buch „Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus“ zitiert. Die meisten stehen im einleitenden Teil zum danach beschriebenen Experiment, das sich ebenfalls zur Lektüre empfiehlt, und sind nur ein sehr kleiner Teil des 424-Seiten-Werks. Die Passagen sind selbstverständlich subjektiv ausgewählt und sollen plakativ zeigen, worum es geht. Dass das Buch hier auf „Alles über Interviews thematisiert wird, liegt schlicht daran, dass Journalisten auch in Interviews und anderen Gesprächssituationen Objektivität oder Voreingenommenheit demonstrieren. Die meist unrühmlichen Forschungsergebnisse ihres beruflichen Handelns eignen sich zur Reflektion. Und diese Reflektion ist nötig, wenn „Qualitätsjournalismus“ Qualität haben soll.

Die folgenden Fragen sind keine Interviewfragen. Sie dienen lediglich dazu, die original aus dem Buch übernommenen „Antworten“ zu unterteilen und anzureißen.

Zum Objektivitätsbegriff und seiner Relevanz

Was ist Objektivität im Journalismus?

Was konkrete Verständnis des Objektivitätsbegriffes variiert, lässt sich aber mit Westerstahl (1983) zu zwei Ebenen zusammenfassen. Westerstahl (1983: 405) unterscheidet objektive Berichterstattung in Faktizität und Unparteilichkeit: Faktizität bemisst sich dabei am Vorhandensein von Fakten, die auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden können, sowie an der gesellschaftlichen Relevanz dieser Fakten. Unparteilichkeit betrifft hingegen den Umgang mit Subjektivität in der Berichterstattung. Sie bestimmt sich über die Merkmale der Neutralität und Ausgewogenheit. (S. 54) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Was bedeutet Objektivitätsnorm im Journalismus?

Die Objektivitätsnorm beruht auf der erkenntnistheoretischen Prämisse, die Realität möglichst unbeeinflusst vom wahrnehmenden Subjekt und dessen Interessen abbilden zu wollen. Journalisten sind in diesem Verständnis Vermittler von Informationen, die es nicht erlauben, dass ihre individuellen Ansichten die Darstellung des gesellschaftlichen Geschehens beeinflusst (vgl. Ettema/Glasser 1998; Gans 1979; Schudson 2001; Tuchman (1980). (S. 51) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Was leistet neutrale und ausgewogene Berichterstattung?

Unter Neutralität wird die Unterlassung subjektiver Wertungen in journalistischen Realitätsdarstellungen verstanden, verbunden mit der Prämisse einer Trennung von Nachricht und Meinung. Ausgewogenheit bezieht sich hingegen auf die Fairness oder Maßstabgerechtigkeit, mit der die in der Gesellschaft vorhandenen politischen Positionen im Mediendiskurs dargestellt werden. (S. 54)Die Prämisse der „balanced frames“ (Entman 2010a: 112; Herv. i. O.) beruht auf der Annahme, dass Journalisten ihrem Publikum nur dann eine umfassende Meinungsbildung ermöglichen, wenn sie konkurrierenden Sichtweisen einen gleichwertigen Raum in der Darstellung einräumen. (S. 55) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Was untersucht die Studie genau?

Auf einer ersten, inhaltlichen Professionalisierungsebene geht es um die Frage, wie stark sich Journalisten beim Umgang mit Informationen auf die Objektivitätsnorm verpflichten. Auf einer zweiten, beruflichen Ebene wird zu untersuchen sein, wie bewusst Journalisten diese Verpflichtung im professionellen Handeln reflektieren. Auf einer dritten, gesellschaftlichen Ebene letztlich steht zu fragen, inwiefern Journalisten Verantwortung für die Einhaltung ihrer professionellen Objektivitätsnorm übernehmen. (S. 20) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Warum ist Objektivität im Journalismus wichtig?

Im Angesicht gegenwärtiger Herausforderungen ist die Objektivitätsnorm vor allem deshalb von zentraler Bedeutung für den Journalismus, da sie erstens eine der wichtigsten ‚kommunikationspolitischen Leitideen‘ (Donsbach 1990: 18) darstellt, mit deren Hilfe die gesellschaftliche Dienstleistungsfunktion von Journalisten in demokratischen Gesellschaften gesichert werden soll. Zweitens bildet die Objektivitätsnorm darüber hinaus auch den Kern des normativen Selbstbildes professioneller Journalisten und ist damit eines der wesentlichsten Erkennungsmerkmale des professionellen Journalisten. (S. 51)Gemäß der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts erfüllen Medien in Deutschland ihre öffentliche Aufgabe der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildung, in dem sie unbeeinflusst von Eigeninteressen allen politischen Sichtweisen gleichermaßen die Möglichkeit geben, in der Bevölkerung Gehör zu finden (vgl. Löffler 1963; Löffler/Riecker 1994). (S. 51) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

… zu den Erwartungen und Reaktionen des Publikums

Ist journalistische Objektivität auch wichtig für das Publikum?

Journalisten sollen Ereignisse in Form einer verlässlichen Hintergrundberichterstattung einordnen helfen (vgl. Donsbach et al. 2009, Gehmlich 2012; Neuberger 2012). Allem voran wird dabei an Journalisten – im Gegensatz zum nicht-professionellen Kommunikator – die Anforderung gestellt, Objektivität gegenüber dem Geschehenen zu wahren, über das sie berichten. (S. 41)Die unabhängige, neutrale und ausgewogene Berichterstattung definiert für den Rezipienten damit ein zentrales Qualitätskriterium des Journalismus (vgl. auch Arnold 2008; Trepte/Reinecke/Behr 2008). (S. 41) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Erfüllen die Medien die Erwartungen des Publikums?

Die Erwartungen der Rezipienten an den Journalismus als ein neutraler Informationsvermittler werden vom Mediensystem heute nur noch eingeschränkt erfüllt. Seit Jahren verliert der Journalismus in westlichen Demokratien daher an öffentlichem Ansehen (vgl. Ladd 2012; Project for Excellence in Journalism 2009). Das Vertrauen gegenüber den Realitätsdarstellungen im Journalismus ist enorm zurückgegangen. (S. 41)Vor allem wächst die Skepsis der Bürger gegenüber journalistischer Objektivität – also gegenüber demjenigen Merkmal, das sie als zentrale Anforderung des Journalismus erkennen. (S. 42) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Wie viele Deutsche empfinden Objektivitätsdefizite im Journalismus?

Mehr als die Hälfte der Bürger hat den Eindruck, Journalisten würden Nachrichten gemäß des eigenen politischen Standpunkts einfärben und unerwünschte Stellungnahmen von Experten zurückhalten (Donsbach et al. 2009. 92). Auf diese Weise erhalten immer mehr Mediennutzer den Eindruck, dass die Medien so einseitig und lückenhaft informieren, dass sich der einzelne Bürger eben nicht mehr umfassend über seine Umwelt und die Fragen, die ihn unmittelbar betreffen, in Kenntnis setzen kann“ (ebd: 109).Die empirisch nachweisbar steigende Tendenz zu Subjektivität und Einseitigkeit liefert aber auch eine wissenschaftliche Bestätigung für die Skepsis der Bürger: Die Bevölkerung verlangt nach unabhängiger Hintergrundberichterstattung, erhält aber immer häufiger eine von Partikularinteressen geprägte, bruchstückhafte Darstellung der Realität. (S. 43) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Warum tragen Journalisten zur Politikverdrossenheit bei?

Wie eine Studie der Associated Press (2008) ergab, führt ein Mangel an verlässlicher Einordnung des aktuellen Geschehens bei den Bürgern zu einer „news fatigue“ (ebd.: 37) – einer ‚Nachrichtenmüdigkeit‘, die eine Abwendung vom politischen Geschehen wahrscheinlich macht. (S. 44)Neben der Hinwendung zu alternativen Informationsangeboten lässt sich demnach auch eine generelle Abwendung vom politischen Diskurs als eine Folge des Glaubwürdigkeitsverlustes im Journalismus interpretieren (siehe auch Graber et al. 2008:9). Das vielfach untersuchte Phänomen der Politikverdrossenheit ist, aus dieser Perspektive betrachtet, nicht mehr nur Folge der Medienberichterstattung, sondern auch Folge einer zunehmenden „Medienverdrossenheit“ (Donsbach et al. 2009: 127) oder Journalistenverdrossenheit. (S. 45) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Führt einseitige Berichterstattung zu Extremismus?

Die aus kommerziellen Gründen zunehmende Einseitigkeit in der Berichterstattung lässt dem Publikum zwar die Wahl, sich aus Quellen unterschiedlicher politischer Ausrichtung zu informieren. Eine homogene, nach politischen Lagern gespaltene Berichterstattung verstärkt jedoch gleichzeitig die Selektionsmechanismen bei Rezipienten (vgl. Iyengar/Hahn 2009; Mutz/Martin 2001) und führt zu extremer werdenden politischen Ansichten. (S. 53) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

… zum Objektivitätsanspruch im Journalismus und der Wirklichkeit

Wollen Journalisten objektiv sein?

Wie die repräsentative Journalistenbefragung „Journalismus in Deutschland“ zeigte, wollten 1993 nur sieben von zehn Redakteuren „das Publikum möglichst neutral und präzise informieren“, während dies 2005 bereits 89 Prozent der deutschen Journalisten als ihre oberste Verpflichtung anerkannten (Weischenberg et al. 2006: 102). Fast drei Viertel der deutschen Journalisten verfolgen sogar das Ziel, „Realität genauso abbilden zu wollen, wie sie ist“- ein Wert, der damit seit den 1990er Jahren um fast zehn Prozentpunkte gestiegen ist. „Mehr denn je fühlt sich die deutliche Mehrheit der deutschen Journalisten den Standards des Informationsjournalismus verpflichtet“ (vgl. auch Hanitzsch et al. 2011). (S. 61)Heute definiert die Objektivitätsnorm damit auch in Deutschland maßgeblich die Identität professioneller Journalisten. (S. 61) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Warum geht das Buch von einer De-Professionalisierung der Medien aus?

Die gegenwärtigen Problemfelder des Journalismus lassen Zweifel daran aufkommen, inwiefern der Journalismus die professionellen Funktionen des Objektivitätsstandards heute ausreichend für sich nutzen kann, wenn eine neutrale, ausgewogene Berichterstattung einer Einseitigkeit von Perspektiven weicht, subjektiven Meinungsäußerungen durch nicht-journalistische Akteure größere Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Sicherung journalistischer Qualität, die Skepsis der Bürger hinsichtlich der Objektivität journalistischer Aussagen zunimmt, während die Nachfrage nach journalistischen Produkten sinkt. In Anlehnung an Örnebring (2010) lässt sich mit Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen bereits von einer ‚De-Professionalisierung“ im Journalismus sprechen. (S. 63) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Führen wirtschaftliche Nöte zu mangelnder Objektivität?

Aufgrund der gravierenden wirtschaftlichen Existenznöte des Tageszeitungsmarktes bleibt auch die Zeitungsberichterstattung von diesen Entwicklungen nicht unberührt. So kommen Gentzkow und Shapiro (2010) … zu dem Ergebnis, dass die politische Berichterstattung stark mit der ideologischen Ausrichtung der Leser korrespondiert … Inhaltsanalysen von Maier (2010b) sowie Baum und Groeling (2008) bestätigen die Zunahme an meinungsbetonten, einseitigen Darstellungen auch für die journalistische Berichterstattung im Internet. (S. 36) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Was hat Kundenbindung mit Subjektivität zu tun?

Als Reaktion auf die ‚Subjektivität‘ des Bürgerjournalismus setzt das Medienmanagement heute zusätzlich auf vermehrt meinungsbetonte, politisch einseitige Berichterstattung (vgl. McKnight 2010). Vor allem im U.S.-amerikanischen Raum wird gegenwärtig versucht, mit sogenannten „niche news“ (siehe Stroud 2011) ein möglichst homogenes Publikum zu erreichen, das langfristig an das Medium gebunden bleibt und gleichzeitig Streuverluste von Werbebotschaften verringert (Gentzkow/Shapiro 2006:64; Mullainathan/Shleifer 2005: 1032-1033; Weaver 2008b: 184). So zeigte Hamilton (2003) etwa für die U.S.-amerikanische Fernsehberichterstattung, dass die steigende Notwendigkeit der Zuschauerbindung signifikant mit einer politischen Einseitigkeit von Fernsehinhalten in Zusammenhang steht. (S. 36) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Gibt es auch in Deutschland eine Lücke zwischen Anspruch und Alltag?

Nach Eigenaussage von Journalisten hat sich die Objektivitätsnorm mittlerweile auch im deutschen Journalismus als wichtigstes Berufsziel etabliert. Den Selbstauskünften der Journalisten stehen aber Befunde der Journalismusforschung entgegen, die wiederholt belegten, dass die journalistische Berichterstattung deutlich durch die persönlichen Ansichten von Journalisten gefärbt ist. (S. 141) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

… über konkrete Fälle subjektiver Berichterstattung

Welche Rolle spielt die redaktionelle Linie für die Berichterstattung?

Für Deutschland belegte Schönbach (1977) eine Synchronisation von redaktioneller Linie und redaktionellem Inhalt am Beispiel der Berlin-Gespräche 1971. Die Studie verglich die Argumentationsstruktur der Berichterstattung von Tageszeitungen und Rundfunksendern mit der Argumentationsstruktur in den Kommentaren der Medien und wies einen signifikanten Zusammenhang zwischen der redaktionellen Linie und der Berücksichtigung der Konfliktparteien in der Berichterstattung nach. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen einen solchen Coverage Bias für eine Vielzahl weiterer Berichterstattungsanlässe. (S. 103)Eine internationale Journalistenbefragung aus den 1990er Jahren bestätigt einen Coverage Bias auch aus Journalistensicht und hier insbesondere für Deutschland. Nach Angaben deutscher Redakteure, schenkt ihr jeweiliges Medium in sechs von 15 Fällen denjenigen gesellschaftlichen Gruppen mehr Aufmerksamkeit, die eine größere Nähe zur ideologischen Ausrichtung des Mediums aufweisen (Donsbach/von Blomberg/Wolling 1996: 351-352). (S. 103) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Gibt es neuere Forschungsergebnisse?

Ähnliche Ergebnisse liefern Inhaltsanalysen von Kepplinger (1988, 2000b) zum Thema Kernenergie in der Berichterstattung deutscher Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine. Kepplinger stellte fest, dass im publizistischen Spektrum links angesiedelte Zeitungen das Konfliktthema negativer darstellten und deutlich häufiger Experten zu Wort kommen ließen, die diese negative Sichtweise stützten. Umgekehrt ließen sich in Medien mit positiverem Standpunkt zur Kernenergie in der Berichterstattung häufiger auch positive Äußerungen von Experten finden (vgl. auch Schulz/Berens/Zeh 1998).Dass die Darstellung eines Konfliktthemas je nach politischen Interessen eines Mediums variiert, belegt auch eine Untersuchung der Berichterstattung deutscher Pressemedien zur Fusionsdebatte auf dem Berliner Zeitungsmarkt 2002. Müller und Donsbach (2006) verglichen dabei Zeitungen, die unmittelbar in den Konflikt involviert waren und entweder dem Axel Springer- oder dem Holtzbrinck-Verlag angehörten, mit jenen Medien, die vom Ausgang des Konfliktes unbetroffen blieben. Ihre Inhaltsanalyse zeigte, dass die vom Konflikt betroffenen Pressemedien die Fusionsdebatte im Vergleich zu den Zeitungen „interessenfreier Verlage“ vorrangig aus einer Sichtweise präsentierten, die der Position ihres jeweiligen Verlages entsprach (vgl. auch Dybski/Hanel/Kringe/Peun/Weiß 2010). (S. 104) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Wie steht es um Objektivität in der Recherche?

Entgegen der normativen Vorstellungen zum Sinn und Zweck journalistischer Recherchetechniken weisen empirische Studien nach, dass Journalisten hierbei nicht unbeeinflusst bleiben von ihren jeweiligen politischen Einstellungen. Dies zeigte Rosenthal (1987) beispielsweise im Rahmen einer Befragung deutscher Zeitungsredakteure mit Hilfe eines quais-experimentellen Designs. Die Journalisten wurden dabei gebeten anzugeben, inwiefern sie bereit wären, eine Anschuldigung gegenüber einem Politiker noch vor Abschluss des Ermittlungsverfahrens zu veröffentlichen. Separat wurde die Einstellung der Redakteure zum betreffenden Politiker erfasst. Im Ergebnis der Studie zeigte sich, dass die Bereitschaft von Journalisten, eine negative Meldung zurückzuhalten, mit der Sympathie für diesen Politiker steigt. Umgekehrt erhöhte eine gehegte Antipathie gegenüber dem Politiker die Bereitschaft des Journalisten zur unverzüglichen Veröffentlichung der Meldung ohne jede weitere Prüfung und unter Inkaufnahme einer Verletzung journalistischer Sorgfaltspflichten. (S. 105)Dass journalistische Prädispositionen indirekt Eingang in die Berichterstattung finden, indem die Publikationswürdigkeit einer Meldung für eigene Interessen instrumentalisiert wird, zeigten erstmals Kepplinger et al. (1989) anhand eines Quasi-Experiments zu publizistischen Konflikten. Die befragten Redakteure wurden dabei gebeten, verschiedene Meldungen hinsichtlich ihres Nachrichtenwertes einzuschätzen, wobei diese Meldungen in ihrer Konfliktsicht variierten. Anschließend wurden die ursprünglichen Einstellungen der Journalisten mit ihren Beurteilungen hinsichtlich der Publikationswürdigkeit der Meldungen in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich, dass die journalistische Konfliktsicht einen signifikanten Einfluss auf die Höhe des Nachrichtenwertes hatte: Meldungen, die der Konfliktsicht des Redakteurs widersprachen, wurde ein signifikant geringerer Nachrichtenwert zugeschrieben als Meldungen, die mit dem Standpunkt des Redakteurs übereinstimmten (vgl. auch Kepplinger 2011: 117, 121). Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Spielt subjektive Berichterstattung auch in Wahlkämpfen eine Rolle?

Eine Vielzahl an Studien belegt, dass Amtsinhabern in politischen Wahlkämpfen oder Krisenzeiten eine größere Aufmerksamkeit zukommt als den Herausforderern (vgl. Graber 1976; Hopmann et al. 2011, 2012; Schönbach et al. 2011). Ein solcher ‚Kanzlerbonus‘ wurde von Donsbach und Jandura (2005) in Deutschland im Bundestagswahlkampf 1998 für Helmut Kohl und 2002 für Gerhard Schröder nachgewiesen. Kepplinger (1979b) belegte für den Wahlkampf 1976 darüber hinaus, dass Oppositionspolitiker in der Fernsehberichterstattung häufiger als Regierungspolitiker aus ungünstigen Kameraperspektiven dargestellt wurden.(Darüber) hinaus zeigte eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung deutscher Medien im Bundestagswahlkampf 2002 von Donsbach und Weisbach (2005), dass auch konkrete Entscheidungen für und gegen die Veröffentlichung von Informationen politisch motiviert sind. Die Autoren verglichen die redaktionellen Tendenzen von fünf überregionalen deutschen Tageszeitungen mit den von ihnen publizierten Wahlprognosen. Die untersuchten Medien veröffentlichten dabei häufiger diejenigen demoskopischen Ergebnisse, mit denen die bevorzugte Partei bzw. der präferierte Kanzlerkandidat als Gewinner der anstehenden Wahl hervorgeht. (S. 102) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Spiegelt die Meinung von Journalisten die Mehrheitsmeinung?

Journalisten stellen hinsichtlich ihrer politischen Ansichten kein verkleinertes Abbild der Bevölkerung dar, sondern ordnen sich im Vergleich zum Rest der Bevölkerung im politischen Spektrum eher links ein (vgl. Donsbach/Patterson 2003: 286; Lichter/Rothmann/Lichter 1986: 21; Weischenberg et al. 2006: 71). Dies impliziert, dass die Meinungen von Journalisten „erheblich von jenen in der Bevölkerung abweichen“ (Kepplinger 2010: 29). Mit der homogenen Verteilung politischer Werte im Journalismus wächst damit auch die Gefahr, dass „die Einstellungen einer kleinen Minderheit in der Gesellschaft zum wesentlichen Input für die Wirklichkeitswahrnehmung der gesamten Bevölkerung werden“ (Donsbach/Rentsch 2011: 155). (S. 52/53) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

… für mehr Objektivität in der Zukunft

Wird Objektivität durch Faktenbezogenheit gesichert?

… eine auf Fakten basierende Berichterstattung, wie sie im deutschen Journalismus mit dem Objektivitätskriterium assoziiert wird, ist kein Hindernis für subjektive Verzerrungen, sondern lässt diese nur weniger deutlich in Erscheinung treten (Arnold 2008: 495; vgl. auch Abbott 2011; Savarese 2000). (…) Ähnlich bilanziert Klaus (2008: 356) mit Blick auf die Objektivitätsdebatte in Deutschland, „dass der Objektivitätsanspruch nicht vor selektiver Wahrnehmung schützt, sondern im Gegenteil zum Irrglauben an die Aussagekraft von Fakten beiträgt und dadurch das Einschleusen der Meinung von Journalisten durch die Hintertür fördert.“ Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Wie kann journalistisches Wahrheitsstreben funktionieren?

Das Wahrheitsstreben vollzieht sich dabei in Anlehnung an Donsbach (1990: 27) auf drei Ebenen: Es setzt erstens voraus, dass verpflichtende Techniken existieren, die die Selektion und Darstellung von Informationen leiten. Die Umsetzung dieser Techniken verlangt zweitens eine „stärkere Kodifizierung und ein stärkeres Bewusstsein für Regeln, die verzerrende Einflüsse auf die Informationsbeschaffung, -bewertung, -verarbeitung und -darstellung auszuschalten in der Lage sind“. Damit die journalistische Aussagenproduktion intersubjektiv überprüfbar wird, müssen die Techniken der Informationsauswahl drittens offengelegt werden, sodass sie „dem Berufsstand und der Gesellschaft klarere Regeln an die Hand geben, um Realitätsdarstellungen zu bewerten“. (S. 67)Der Objektivitätsbegriff bezieht sich im Verständnis von Donsbach (1990) wie auch Boudana (2011) und Marsh (2012) auf das verpflichtende Vorhandensein der Objektivitätsnorm, auf deren bewusste Anwendung sowie eine Verantwortungsübernahme für ihre tatsächliche Umsetzung im journalistischen Produkt. (S. 67)

Von herausragender Relevanz für die Umsetzung der journalistischen Orientierungsfunktion ist die professionelle Verpflichtung auf Objektivität, die als einer der umstrittensten, aber auch grundlegendsten Standards journalistischer Arbeit gilt. (S. 19) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Was braucht Journalismus auf den verschiedenen Handlungsebenen?

Auf der inhaltlichen Ebene gilt es, die Verpflichtung des Journalismus auf Handlungsregeln zu stärken, die eine Freiheit von subjektiven Einflüssen gewährleisten. Auf der beruflichen Ebene muss der Journalist die Objektivitätsnorm bewusst als Strategie des Schutzes vor Eigeneinteressen reflektieren, damit sie journalistisches Handeln leiten kann. Auf der gesellschaftlichen Professionalisierungsebene wird es für den Journalismus notwendig, Verantwortung für die Einhaltung des Objektivitätsstandards im journalistischen Produkt zu übernehmen, indem Handlungsregeln wie auch deren Verletzungen offengelegt werden. (S. 67) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Genügen die bestehenden Qualitätsstandards im Journalismus?

Bei Scholl und Weischenberg (1998: 15) heißt es: „Menschen agieren und kommunizieren, und sie tragen dafür auch die Verantwortung“. Dass Verantwortung auch eine logische Folge des Informationsverhaltens von Journalisten ist, daran lässt die bisherige Forschung Zweifel aufkommen. Zwar haben sich im Journalismus rechtliche und standesrechtliche Verhaltenserwartungen herausgebildet, denen bei Verstößen mit Ahndungen begegnet werden kann (Keppler/Maurer 2008: 165). Der Journalismus ist aber im Vergleich zu ‚anderen‘ Professionen an deutliche geringere Reglementierungen gebunden, die darüber hinaus zumeist ‚zahnlose‘ Tiger (Pöttker 2003: 382) bleiben müssen (vgl. Black/Barney 1985; Brosius/Rössler/Schulte zur Hausen 2000; Ruß-Mohl 1992, 1994). (S. 141)Auch heute noch wird dem Objektivitätsstandard zugeschrieben, er schaffe „professional distinction“ (Hampton 2008: 477), ermögliche es dem Journalismus „to police itself“ D’Allessio/Allen 2000: 149) und schütze die Professionsangehörigen damit vor Einfluss, Kritik und Kontrolle durch externe Akteure (vgl. Hackett 2008; Kaplan 2006; 2010; Newton/Hodges/Keith 2004; Örnebring 2010; Shoemaker/Reese 1996). (S. 62) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Honoriert das Publikum objektive Berichterstattung?

In der Tat fanden Tsfati, Meyers und Peri (2006: 165-166) Nachweise dafür, dass die Wertschätzung journalistischer Informationsangebote mit einer sinkenden Wahrnehmung von Einseitigkeiten in der Berichterstattung ansteigt. (S. 62) Quelle: Cornelia Mothes/Nomos Verlag

Wie im Einleitungstext dieses Beitrags beschrieben: Die Ergebnisse des Experiments von Cornelia Mothes mit deutschen Journalisten stehen ebenfalls im Buch. Es ist insbesondere leitenden Redakteuren zu empfehlen, weil – auch das haben im Buch zitierte Studien erwiesen – Redakteure und Redakteurinnen sich in ihrer Denk- und Arbeitsweise insbesondere an Vorgesetzten orientieren.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.