E-Mail-Interview mit E-Mail-Interviewer Peer Wandiger

„Glattgebügelte PR-Antworten lasse ich gern mal zurückgehen“

Peer Wandiger, Profiblogger mit  selbstaendig-im-netz.de, macht was viele Journalisten hassen: E-Mail-Interviews. Und das funktioniert? Also … auch gut? Wir haben Peer gefragt – per E-Mail-Interview natürlich. Die unten stehenden Antworten sind null verändert. Unser Urteil folgt am Schluss.     

Die Fragen schickte ihm Mario Müller-Dofel*

E-Mail-Interview mit Peer Wandiger
Blogger Peer Wandiger: Hauptberuflich selbstständig im Netz (Foto: Privat)

Mario Müller-Dofel: Peer, Du schreibst in Deinem Blog, dass Du bislang mehr als 100 Interviews per E-Mail geführt hast. Warum sprichst Du mit Deinen Antwortgebern nicht persönlich?
Peer Wandiger: Das hat mehrere Gründe. Vor allem ist ein schriftliches, also ein E-Mail-Interview deutlich zeitsparender und einfacher durchzuführen. Es ist keine Terminabsprache notwendig und keine Niederschrift des Audiointerviews. Da ich diverse Blogs und Websites ganz allein betreue, habe ich einfach keine Zeit für persönliche Interviews, auch wenn deren Interkativität natürlich ein Vorteil gegenüber schriftlichen Interviews sind.

Warum „interviewst“ Du überhaupt? Also wann und warum nutzt die Frage-Antwort-Stilform?
Ich schreibe über meine eigenen Erfahrungen und gebe in meinen Artikeln eigenes Know-How an die Leser raus. Das macht die Basis meiner Blogs aus. Aber natürlich weiß ich längst nicht alles und habe in vielen Bereichen keine eigenen Erfahrungen sammeln können. Deshalb führe ich Interviews mit Gründern, Selbstständigen, Startups et cetera, um deren Erfahrungen und Know-How zu bestimmten Themen zu bekommen. Das ist für meine Leser eine gute Ergänzung zu meinen eigenen Artikeln.

Worauf achtest Du, wenn Du Deine Fragen formulierst?
Ich bereite mich auf diese Interviews natürlich vor. Ich recherchiere über meinen Gesprächspartner und schaue mir dessen Online-Projekte an. Dadurch kann ich dann neben allgemeineren Fragen, die mich genrell interessieren, auch sehr konkrete stellen, die auf Besonderheiten beim Gesprächspartner eingehen. Bei der Formulierung der Fragen vermeide ich solche, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Es geht schließlich darum interessante Einblicke und Tipps zu bekommen.

Vertraust Du, was die Antworten betrifft, lediglich auf Deine Fragen? Oder versuchst Du die Antworten auch anders zu steuern? Durch ein kurzes Vorgespräch oder Anmerkungen zum Beispiel, die Du später nicht veröffentlichst?
Sowohl als auch. Natürlich gibt es vorher bereits Kontakt und da spricht oder schreibt man schon mal über bestimmte Dinge, die für das E-Mail-Interview interessant sein können oder ich frage nach, wenn mir was unklar ist. In den Fragen selbst gibt es dann hin und wieder mal Anmerkungen in Klammern, in denen ich ein wenig genauer angebe, was ich mit der Frage genau bezwecke. Aber das ist eher selten.

„Es ist selten, dass E-Mail-Antworten gar nicht zu gebrauchen sind.“

 

Nicht jeder Antwortgeber hat die Fähigkeit, leicht verständliche, gut lesbare und pointierte Antworten zu formulieren. Was machst Du, wenn Antworten beispielsweise schlecht strukturiert und redundant sind? Die kannst Du schlecht so lassen, oder?
Natürlich unterscheiden sich die Antworten – und hin und wieder gibt es nicht so gut lesbare Texten von meinen Interviewpartnern. Aber es ist eher selten, dass diese gar nicht zu gebrauchen sind. Wenn sie grundsätzlich lesbar sind, dann belasse ich es in der Form, da das ja auch eine gewisse Authentizität vermittelt. Schlimmer finde ich da die glattgebügelten PR-Antworten, die durch drei Abteilungen gegangen sind, bevor ich sie erhalten habe. Die lasse ich dann gern auch mal zurückgehen.

Selbst viele Interviewpartner, die von Angesicht zu Angesicht interviewt werden, antworten oft am Fragekern vorbei oder drücken sich so abstrakt aus, dass die Antworten kaum etwas bringen. Kennst Du dieses Problem auch von E-Mail-Antworten – und wie gehst Du damit um?
Natürlich. Jeder Interviewpartner ist anders und hat eine andere Art zu schreiben. Hinzu kommt, dass manche Fragen vielleicht auch missverstanden werden oder ähnliches. Wenn das bei den Antworten in einem E-Mail-Interview deutlich wird, halte ich Rücksprache und bitte darum die Frage nochmal zu beantworten.

 

„Ich kann verstehen, wenn sich eine Firma gut präsentieren will, aber das allein reicht nicht für ein Interview.“

 

Gibt es andere Antwortmängel, bei denen Du zugunsten der Qualität nacharbeiten musst?
Bei PR-Leuten gibt es leider die Tendenz, bei der Firmenvorstellung sehr ausführlich zu antworten und wenn es dann um Einblicke, Hintergründe und Probleme geht, wird nur sehr kurz und allgemein geantwortet. Da hake ich dann gern nach und mache den Interviewpartnern klar, dass es um interessante Einblicke geht und nicht um einen Werbe-Text. Ich kann natürlich verstehen, wenn sich eine Firma gut präsentieren will, aber das allein reicht nicht für ein Interview. Generell muss ich sagen, dass die interessantesten Interviews die sind, die ich direkt mit den Gründern mache. Diese lieben ihre Arbeit und sprechen gern darüber. Bei Marketing- und PR-Mitarbeitern sieht das leider oft anders aus. Deshalb mache ich lieber Interviews mit kleinen Startups oder Einzelunternehmern.

Welche Regeln gelten für Dich, wenn Du Antworten veränderst? Schickst Du solche Antworten zum Beispiel nochmal zur Freigabe an den Antwortgeber?
Ich verändere selber so gut wie nie Antworten. Entweder es ist so okay, wie ich es bekommen habe oder ich bitte den Interviewpartner die Frage nochmal zu beantworten, nachdem ich geschildert habe, was daran nicht okay war. Ich fände es nicht gut, wenn ich den Gesprächspartnern etwas in den „Mund“ lege, was sie so genau gar nicht gesagt haben.

Hast Du auch schon unangenehme Reaktionen auf Antwortänderungen erlebt?
Unangenehme Reaktionen hatte ich noch nicht, aber wie oben schon geschrieben, denken mache wirklich nur daran, das Interview als Werbeplattform zu nutzen. Wenn es trotz nachträglicher Überarbeitung der Antworten durch den Interviewpartner dennoch nicht meine Vorstellungen von interessanten und für den Leser nützlichen Antworten entspricht, dann teile ich diesem mit, dass es mit dem Interview nichts wird.

Angenommen, ich meine, an Deinen Antworten etwas ändern zu müssen: Welche Art Änderungen gestehst Du mir zu – und was verbittest Du Dir?
Wie gesagt, halte ich das generell für nicht in Ordnung. Schließlich sind die Antworten nicht meine Texte, sondern die vom Interviewpartner. Deshalb ändere ich generell nichts selber daran und erwarte dasselbe natürlich auch dann, wenn ich interviewt werde. Alle Probleme, die ich mit Antworten habe, teile ich dem Interviewpartner mit und bitte um eine Überarbeitung der Antworten. Und genauso wünsche ich es mir bei meinen Antworten.

 

„Ich lese sehr viel und beschäftigte mich mit den unterschiedlichsten Themen. Das hilft auch dabei, selber gut zu schreiben.“

 

Woher hast Du Deine Schreibkenntnisse? Die wenigsten Menschen sind da Naturtalente.
Ich habe schon immer gern geschrieben und zum Beispiel auf dem Gymnasium auch deshalb in Deutsch ganz gut abgeschnitten, weil ich viel geschrieben habe und gut formulieren konnte. Da war es naheliegend, dass ich mit dem Bloggen anfange. Es macht mir einfach Spaß zu schreiben. Ich lese zudem sehr viel und beschäftige mich dabei mit den unterschiedlichsten Themen (Fachliteratur) und Genres (Romane). Das hilft sicher auch dabei selber gut zu schreiben und einen breiteren Wortschatz und ein größeres Allgemeinwissen zu haben. Allerdings waren die ersten Blogartikel auch nicht einfach für mich. Da habe ich lange dran gefeilt und war immer unzufrieden. So was braucht Übung und Zeit.

Wie findest Du andere Interviewformen, Podcast oder Videos etwa?
Grundsätzlich ja, da ich selber sehr gern Podcasts höhe und auch auf YouTube viel unterwegs bin. Aber die schon genannten Probleme, gerade bei der aufwändigen Organisation und Nachbearbeitung von Audio-Interviews, haben mich bisher davon abgehalten. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch.

Hast Du einen Wunschinterviewpartner für den Du doch mal richtig viel Zeit investieren würdest, um ihn persönlich zu sprechen und das Gespräch zu verschriftlichen?
Eine gute Frage. Aber eigentlich habe ich da nicht wirklich einen Wunsch, da ich von Personenkult wenig halte und deshalb auch nicht unbedingt Fan von jemandem bin. Am ehesten würde ich vielleicht ein paar Roman-Autoren gern mal interviewen, aber dafür habe ich nicht den passenden Blog.

Wer ist Dein nächster E-Mail-Interviewpartner, worum wird’s mit ihm oder ihr gehen und wann erscheint der Text auf Deinem Blog?
Ich habe eine Liste mit möglichen Interviewpartnern, die ich nach und nach abarbeite. Noch steht allerdings nicht fest, wen ich als nächstes interviewen werde, aber es wird höchstwahrscheinlich für selbstaendig-im-netz.de sein.

Danke für die Antworten.

Peer Wandiger gehört zu den bekanntesten Wissensteilern im deutschen Internet. Nach eigenen Angaben kann er sehr gut davon leben. Sein Hauptprojekt selbstaendig-im-netz.de. betreibt er seit 2007. Zu seinem Blognetzwerk gehören auch blogprojekt.de und affiliate-marketing-tipps.de. Wie „Alles über Interviews“ auf ihn gekommen ist? Ganz einfach: Als WordPress-Blogger kommt man im Netz kaum an ihm vorbei.

Und so fanden wir Peers E-Mail-Antwort-Qualität:

Drei ganz wichtige Antwortregeln lauten:

  • Beantworte die Frage des Fragers (und nicht eine, die du dir gewünscht hättest).
  • Komme schnell auf den Punkt (also labere nicht um den heißen Brei herum).
  • Fasse dich  möglichst kurz (bei zu langen Antworten, ab geschätzten 700 Textzeichen, wird vielen Lesern langweilig und sie steigen aus).

Peer hat diese drei Kriterien erfüllt, zudem seine Antworten sehr gut strukturiert und die einzelnen Sätze gut lesbar formuliert. Uns würde ein E-Mail-Interview für viele andere Antwortgeber und Interviewthemen nicht taugen. Bei Peer hat’s allerdings gepasst, auch dank seiner Schreibkompetenz und der Fähigkeit, sich in die Bedürfnisse seines Counterparts hineinzuversetzen. Wir sind zufrieden 🙂

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator von „Alles über Interviews“.