Der Giovanni di Lorenzo-Interviewcode. Teil 2 „Haltung“

Was ein Buchvorwort über Interviewer-Qualitäten verrät

Wie tickt ein Top-Interviewer? Antworten auf diese Frage soll diese Blog-Serie geben. Sie untersucht das Interview-Erfolgsrezept von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Nach der „Einführung“ im Mai lesen Sie hier nun den zweiten Teil, in dem es um di Lorenzos innere Haltung geht.

Von Mario Müller-Dofel*, im Juni 2017

Giovanni di Lorenzo - Vom Aufstieg und anderen Niederlagen
Vorwort-Analyse: Blick in die Gedankenwelt eines Interviewers (Foto: Mario Müller-Dofel)

Die Idee zu dieser Blog-Serie war mir bei der Lektüre des Vorworts zu seinem Buch „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen … Die besten Gespräche aus 30 Jahren“ gekommen, anhand dessen ich den di Lorenzo-Interviewcode entschlüsseln will. Seither sind vier Wochen vergangen. Soeben habe ich das Vorwort ein zweites Mal studiert. Und wieder finde ich es außergewöhnlich und inspirierend. Denn bereits hier zeigt sich für mich: Giovanni di Lorenzo tickt anders als der durchschnittliche Interviewer. Der Unterschied: Er hat einen weit überdurchschnittlichen Anspruch – und eine explizite Haltung zu dieser journalistischen Stilform.

Welche Qualitäten seine Haltung ausmachen, soll dieser zweite Serienteil ergründen. Das Ziel: andere Interviewer anregen, ihre eigene Qualität zu verbessern. Aus meiner Sicht offenbart das Buchvorwort mindestens fünf Qualitäten:

Qualität 1: Sich selbstkritisch reflektieren

Gleich im ersten Satz wirft di Lorenzo die „ewige Frage“ auf, wann ein Interview gelungen ist. Statt seine Meinung dazu zu präsentieren, regt er den Leser an, selbst eine Antwort auf diese Frage zu finden. Dafür blickt er kurz auf ein Interview zurück, das er Mitte der 1980-er Jahre mit dem Kurzzeit-Popstar Sandra geführt hat. Von ihr wollte Giovanni di Lorenzo unter anderem wissen, wie sie sich „als lebende Onanievorlage“ so fühle. Und das gleich zu Gesprächsbeginn.

 

„Ein für den Moderator beschämender Auftritt.“

 

Er erinnert sich weiter: „Ich sah, wie sie mit den Tränen kämpfte, und in dem darauf folgenden Wortwechsel gab sie nichts mehr von sich preis. Sie versuchte nur noch, das rettende Ende zu erreichen.“ Obwohl ihn einige Journalistenkollegen für seine Onanievorlage-Frage „als Held“ feierten, fand der Gefeierte seinen Auftritt im Nachhinein „peinlich“ und „beschämend“.

Was können wir aus den ersten 20 Zeilen des di Lorenzo-Vorworts lernen? Zum Beispiel, dass der Mann sich selbst in Frage stellen kann, ehe er dies mit anderen tut. Oder anders ausgedrückt: Er ist imstande, sich und seine Interviews selbstkritisch zu reflektieren. Dies hebe ich hervor, weil der verantwortungsvolle Umgang mit anderen Menschen (also auch mit Interviewpartnern) und die selbstkritische Reflexion des eigenen Verhaltens oft vernachlässigt werden. Das gilt auch im journalistischen Alltag. Giovanni di Lorenzo gesteht einen solchen Fehler ein – und zwar mit den ersten Worten seines Buchs. Ich meine, wer macht sowas schon? Zumal in der Öffentlichkeit? Fehler zugeben ist nicht gerade ein Trend. Aber dieser Interviewer zeigt Größe.

Gegen Ende des Vorworts erinnert er daran: „Ein falscher Auftritt, ein falscher Satz, und es kann das Ende einer Karriere bedeuten.“ Auch dieses Bewusstsein zeichnet Top-Interviewer aus.

Qualität 2: Das eigene Verhalten ändern

Selbstkritische Reflexionen vergangenen Verhaltens sind wichtig, aber nicht genug. Ob sie etwas bringen, zeigt sich erst im künftigen Handeln. Di Lorenzos Interview mit der Sängerin Sandra hat in ihm, wie er schreibt, „einen Lerneffekt ausgelöst“. Er gibt sogar zu: „In meinen ersten Berufsjahren bewegte ich mich vor allem eine Sorge: Wie kommen meine Fragen rüber? Sind sie scharf genug?“ Es sei ihm vor allem darum gegangen, die Schwachstellen, die Achillesferse seiner Gesprächspartner zu treffen – bis eines Tages einer seiner Gesprächspartner „völlig entnervt“ den Interviewtisch verließ.

 

„Durch solche Erlebnisse merkte ich, dass das, was in einem Interview wirklich zählt, etwas völlig anderes ist.“

 

Doch statt den Anderen dafür verantwortlich zu machen, änderte Giovanni di Lorenzo seine innere Haltung. „Durch solche Erlebnisse merkte ich, dass das, was in einem Interview wirklich zählt, etwas völlig anderes ist: einen Gesprächsfaden zu finden, eine Stimmung, von mir aus auch eine Strategie, die dazu führt, dass sich das Gegenüber in die Karten schauen lässt.“ Di Lorenzo hat gemerkt, dass er sich, seiner Arbeit und sicher auch seinem Berufsstand schadet, wenn er nur auf die Schwachstellen seiner Interviewpartner zielt. Meine Meinung. Wer so auf Kosten anderer glänzen will, handelt parasitär. Und Top-Interviewer sind keine Parasiten.

Qualität 3: Andere Menschen respektieren

Später im Vorwort schreibt di Lorenzo: „…was mir immer besondere Freude gemacht hat, war: in einem Gespräch eine Spannung aufzubauen, einen Moment der Authentizität einzufangen, im besten Falle auch eine Überraschung, im Guten wie im Schlechten.“ Diesen Anspruch sieht er sogar für Fachgespräche, schnelle Befragungen und Konfrontationen in der Sache gerechtfertigt. Und das heißt doch auch: Ein Interviewer, der Authentizität von seinem Gesprächspartner will, versucht ihn zur Geltung zu bringen, wie er eben ist.

Giovanni di Lorenzo - Vom Aufstieg und anderen Niederlagen
20 Gespräche in Buchform: Laut di Lorenzo seine besten (Foto: Mario Müller-Dofel)

Meiner Erfahrung nach versuchen zu viele Journalisten das Gegenteil: den Gesprächspartner so darzustellen, dass er ihrem subjektiven Bild entspricht. Ja, viele möchten in Interviews vor allem Vorurteile bestätigt bekommen. Die Befragten fühlen sich dann in eine Schublade gepresst. Eine „Überraschung“, wie di Lorenzo sie sich im Zitat oben wünscht, ist aber nur möglich, wenn der Interviewer ehrlich bereit ist, während des Gesprächs das eine oder andere seiner Vorurteile zu revidieren. Wer dazu nicht bereit ist, würgt jeden Überraschungsmoment von vorn herein ab.

Top-Interviewer respektieren ihre Gesprächspartner „im Guten wie im Schlechten“ – wenigstens für die Zeit des Interviews. Das gilt für Sachinterviews, Meinungsinterviews, personalisierte Interviews und personalisierte Sachinterviews gleichermaßen, zumal die verschiedenen Interviewformen häufig in einem Gespräch miteinander vermischt werden.

Qualität 4: Vor allem an der Beziehung arbeiten

Viele Journalisten meinen, für gute Interviews reichen fachkundige Fragen. Halten wir uns wieder di Lorenzos Buchvorwort vor Augen: Darin schreibt er kein einziges Mal über die Relevanz der Sachthemenkompetenz. Kein einziges Mal! Natürlich ist sie trotzdem wichtig. Aber Giovanni di Lorenzo thematisiert im Vorwort sicher nicht zufällig nur die zweite Kommunikationsebene neben der Sachebene: Und das ist die Beziehungsebene.

 

„Ich muss gestehen, dass ich Interviews, die mir besonders am Herzen liegen, meistens lieber alleine führe.“

 

Dies interpretiere ich so: Top-Interviewer wissen, dass sie in der Sache scheitern, wenn ihre Beziehung zum Befragten nicht stimmt. (Wenn Sie mehr darüber lesen möchten, nehmen Sie sich drei Minuten Zeit für das kommunikationspsychologische Eisberg-Modell.) Di Lorenzo geht sogar so weit, dass er Interviews, die ihm „besonders am Herzen liegen, meistens lieber alleine“ führt. Er brauche „eine Grundstimmung, die alleine meistens besser herzustellen ist als mit einer noch so geschätzten Kollegin oder einem Kollegen“. (Die Probleme mit Interviewteams haben wir auf „Alles über Interviews“ ebenfalls erläutert.)

In seinem Buchvorwort schreibt Giovanni di Lorenzo weiter: “Oft reicht ein falscher Satz oder das Überhören einer wichtigen Aussage, und das ganze Gespräch kippt.“ Ja, Top-Interviewer hören auch sehr genau zu, um eine gesprächsfördernde Beziehung zum Interviewten zu gestalten.

Qualität 5: Umfassend vorbereiten

Letzter Punkt: Giovanni di Lorenzo legt Wert auf eine „umfassende Vorbereitung“. Natürlich schließt er hier die sachthematische Vorbereitung ein. Aber er thematisiert eben auch in dieser Vorwortpassage wieder ausschließlich den Menschen, dem er begegnet: „Manchmal beschäftige ich mich schon Monate vor der Verabredung mit dem Gesprächspartner.“ Warum? „Das macht mich sicher“, schreibt er, „vor allem aber vermittelt es gerade den Persönlichkeiten, die als schwierig gelten, ein Gefühl von Respekt.“

Die Haltung auf den Punkt gebracht

Fassen wir zusammen: Top-Interviewer reflektieren ihre Interviews selbstkritisch und können daraufhin sich selbst verändern, statt dies nur von den Befragten zu verlangen. Besonderen Wert legen sie auf eine Gesprächsatmosphäre, die es den Interviewten ermöglicht, sich trotz ihrer Ängste und Risiken zu öffnen. Dafür bereiten sich Top-Interviewer intensiv auf ihre Gespräche vor und zeigen bewusst Respekt für ihre Gegenüber. Denken wir immer daran, bevor wir in Interviews gehen!

Um den Giovanni di Lorenzo-Interviewcode weiter zu entschlüsseln, beginne ich demnächst, die ersten Gespräche in seinem Buch zu lesen. Sobald mir neue „Code-Schnipsel“ auffallen, bringe ich den nächsten Teil dieser Blog-Serie. Bis dahin! 🙂

 

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.

Hier finden Sie die bisherigen Teile der Blog-Serie „Der Di Lorenzo-Interviewcode“

Teil 1: „Einführung“