Der Di Lorenzo-Interviewcode. Teil 1 „Einführung“

Wie wir den di Lorenzo-Code hier entschlüsseln

Diese Blog-Serie zeigt, was Interviewer von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo lernen können. Er ist einer der profiliertesten Journalisten Europas.

Von Mario Müller-Dofel*, im Mai 2017

Ein Samstagnachmittag, bei sonnigen 25 Grad Celsius: Ich sitze ich auf der Terrasse unserer Wohnung. Bäume rauschen, Vögel zwitschern, ein Geschenk in meinen Händen…

Giovanni di Lorenzo - Interviews führen - Kiepenheuer & Witsch
Terrassenlektüre: Gespräche mit außergewöhnlichen Menschen

Das Buch heißt „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen … Die besten Gespräche aus 30 Jahren“. Der Interviewer ist Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT. Soeben erst habe ich es mir vorgenommen, bin auf Seite 10, am Ende des Vorworts. Da ist mir klar, wie ich die Gesprächssammlung lesen werde: als Reiselektüre.

Trip ins Innere des Interviewers

Und Sie da draußen kommen mit – auf einen Trip vom bedruckten Buchpapier bis hinter di Lorenzos Stirn, vielleicht sogar bis an sein Herz. Anhand des Buches will ich ergründen, was ihn und seine Interviews ausmacht. Und daraus folgern, was Interviewer von ihm lernen können, um ihre eigene Qualität zu verbessern. Das bedeutet, dass ich nicht – wie ein Interviewleser normalerweise – vor allem die Befragten beobachten werde, sondern ihn, den Frager.

Lernen mit dem, was wir haben

Aber darf man das überhaupt? Jemanden aus der Ferne beurteilen, den man nicht kennt? Na klar. Das ist normal. Ständig machen wir uns bewusst oder unbewusst Bilder von fremden Menschen, indem wir ihr öffentliches Auftreten interpretieren. Und andere Menschen machen es genauso mit uns. In diesem Fall kommt hinzu: Den allermeisten, die von di Lorenzo lernen wollten, blieben nur seine Interviewtexte! Unmöglich könnte er jedem Wissbegierigen seine Erfolgskonzepte persönlich erläutern. Von daher können wir „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ hier auch als Lehrbuch begreifen.

Ein nachdenklicher Mann

Persönlich begegnet bin ich di Lorenzo bislang nur einmal: 2003, als Absolvent der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Damals war er noch Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels und wir Holtzbrinck-Schüler besuchten ihn auf ein Gruppengespräch über seinen Job. Hängen geblieben ist mir aus diesem Termin das Bild eines beobachtenden, freundlichen und jugendlich wirkenden Mannes, der selbst beim Lächeln darüber zu sinnieren schien, ob sein Lächeln auch wirklich angebracht ist. Seither ist er auf meinem Radar, aber eher am Rande.

Was uns di Lorenzo über Haltung sagt

Dies ändert sich mit dieser Blog-Serie. Natürlich lässt sich der Giovanni-di-Lorenzo-Interviewcode anhand des Buches nicht vollständig entschlüsseln. Der Leser hat schließlich weder die Gespräche gesehen noch kennt er die ursprünglichen Schriftversionen der Interviews. Und er weiß auch nicht, was di Lorenzos Interviewpartner bei der  Textautorisierung verändert haben. Doch das ist okay, weil selbst durchredigierte  Interviewtexte auch einiges über die Fragenden sagen. Ganz sicher bieten die Dialoge in di Lorenzos Buch fürs Erste genug Dazulernstoff.

Erkenntnisse für Anspruchsvolle

Der Anspruch ist: Ich verknüpfe das Gelesene mit meinen Gedanken dazu und forme daraus Erkenntnisse. Diese sollen  anspruchsvollen Interviewern helfen, noch besser zu werden oder sich bestätigt zu sehen. Und es sollen mehrere Teile entstehen. Deren Anzahl, Themen und Reihenfolge wird sich beim Lesen ergeben – so wie die Idee zur interpretierenden Analyse bei der Vorwortlektüre entstand.

Teil 2 habe ich übrigens schon im Kopf: Er wird „Haltung“ heißen und das bislang Gelesene, das Vorwort, beleuchten. Bis dahin dauert es wohl noch einige Tage. Sorry, aber „Alles über Interviews“ ist eine Leidenschaft, die unter ewiger Zeitnot leidet. Am liebsten würde ich das Buch ohnehin nur an sonnigen Samstagen lesen.

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Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.