Interviews vorbereiten
Interviews vorbereiten - Interviewvorbereitung
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Wenn Sie von Ihren Wunschgesprächspartnern Gesprächszusagen bekommen haben, müssen Sie die Interviews vorbereiten. Dabei geht es um sachliche Inhalte, aber auch darum, eine kooperative Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Hier lesen Sie, worauf es bei der Interviewvorbereitung ankommt

Kommunikationsstörungen voraussehen

Wenn Sie mit Ihrem Interviewpartner  auf eine Wellenlänge kommen, können Sie das Gespräch besser führen

Vorbeugen ist besser als heilen

Je besser Ihnen die Interviewvorbereitung gelingt, desto selbstsicherer werden Sie Ihrem Gesprächspartner begegnen. Je besser Sie Ihren Interviewpartner auf die Begegnung mit Ihnen einstellen, desto kooperationswilliger wird er sich verhalten. Und je kooperativer er sich verhält, desto besser lässt er sich in Richtung Ihrer journalistischen Ziele steuern. Kurzum: In der Vorbereitung bereiten Sie sich, aber auch Ihren Interviewpartner inhaltlich und emotional so vor, dass Sie mit ihm auf eine „Wellenlänge“ kommen. Denn auch was Kommunikationsstörungen angeht, gilt das Motto: Vorbeugen ist besser als heilen. Denn in der späteren Frage-Antwort-Situation wird es ungleich schwieriger, Kommunikationsstörungen zu beheben – wenn es dann überhaupt noch möglich ist.

Kontaktbegabung und Zielbewusstsein beweisen

Schon in der Interviewvorbereitung gilt es, die Komplexität der zwischenmenschlichen Kommunikation zu beherrschen

Das Nötigste ist nicht genug

Der Publizist Hans-Joachim Netzer sagte: „Das Interview ist die schwierigste journalistische Arbeitsform überhaupt. Es verlangt genaue thematische Vorbereitung, aber dann größte Zurückhaltung des eigenen Wissens. Es verlangt Kontaktbegabung, Selbstsicherheit und Takt, Energie und Zielbewusstsein in der Gesprächsführung, Anpassung an den jeweiligen Gesprächspartner, an die Atmosphäre und an die Situation.“ Dennoch ist es Usus, dass Interviewer ihre Interviewvorbereitung auf das Nötigste beschränken: auf’s Fachliche, also die Sachebene. Dagegen spielen mögliche Beziehungsprobleme mit dem Interviewpartner, die die spätere Frage-Antwort-Situation überschatten können, selten eine Rolle.

Ursachen für Beziehungsprobleme mit Interviewpartnern

Journalisten, die oberflächlich, unsicher, überheblich und wenig einfühlsam wirken, bekommen Probleme auf der emotionalen Kommunikationsebene

Der Interviewer verzichtet auf Vorgespräche

Der Interviewer verzichtet – vielleicht aus Zeitnot oder aus Nachlässigkeit – auf Vorgespräche und damit auch auf das wichtige Erwartungsmanagement. Folge: Er kann die Befindlichkeiten des Gesprächspartners schwer einschätzen, was Unsicherheiten und Fehleinschätzungen auf beiden Seiten nach sich zieht.

Der Interviewer bleibt vage bei Themen und Fragen

Der Interviewer sendet seinem Gesprächpartner vorab weder Fragen noch Themenblöcke, weil er nichts zu früh verraten will. So lässt er den Interviewten weitgehend im Unklaren über die Gesprächsrichtung. Später sitzt der Interviewte vor dem Journalisten wie das Kaninchen vor der Schlange und ist zudem inhaltlich schlecht vorbereitet.

Dem Interviewer fehlt Selbstsicherheit

Der Interviewer fühlt sich seinem Gesprächspartner unterlegen. Das ist beispielsweise häufig bei unerfahrenen Journalisten gegenüber Wirtschaftsbossen, Spitzenpolitikern und Showpromis der Fall. Clevere Interviewte bemerken die Unsicherheit ihrer Interviewer und nehmen ihm das Gespräch aus der Hand.

Der Interviewer fühlt sich seinem Gesprächspartner überlegen

Schlimm genug, wenn es so ist. Dumm dazu, wenn er es zeigt. Denn Interviewpartner spüren, wenn sich ihre Interviewer über sie „erheben“. Sie entwickeln Antipathien, machen die „Schotten“ dicht und antworten nur noch das Nötigste.

Der Interviewer verfolgt unrealistische Gesprächsziele

Der Interviewer hat unrealistische Gesprächsziele, stellt folglich „falsche“ Fragen und bekommt unbefriedigende Antworten darauf. Beispiel: Ein Interviewer versucht, einen Unternehmensvertreter über eine geschäftliche Verhandlung auszufragen, obwohl dieser hier zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. Was soll der Unternehmensvertreter machen? Er ist genervt!

Tipps für eine gute Interviewvorbereitung

Unterscheiden Sie sich positiv vom Gros der Interviewer auf Journalisten- oder Unternehmenskommunikatoren-Seite. Dann bekommen Sie bessere Antworten als Ihre Kollegen

Fallen Sie positiv auf

Überraschen Sie Ihre Gesprächspartner durch eine auffällig gute Vorbereitung. Damit handeln Sie dem Klischee zum Beispiel des oberflächlichen Journalisten zuwider und erarbeiten sich Respekt und einen Vertrauensvorschuss.

Zeigen Sie dem Interviewpartner Vorteile auf

Geben Sie ihm überzeugende Argumente an die Hand, warum er mit ehrlichen Antworten bei dem Interview punkten kann.

Verstehen Sie Ihren Interviewpartner

Zeigen Sie Verständnis für die Interessen des Interviewpartners (ohne sich seine Interessen unkritisch in den Block diktieren zu lassen), um ihm Wertschätzung zu signalisieren, sein Vertrauen zu gewinnen und ihn zur Kooperation zu motivieren.

Generieren Sie Zustimmung für Ihre Pläne

Erklären Sie ungefragt die Formalitäten und (Ihre) Spielregeln für das Interview und lassen Sie sich diese verbal bestätigen. Sagen Sie zum Beispiel: „Ich werde mindestens 15 Fragen zum Gespräch mitbringen. Schaffen wir die binnen 20 Minuten?“ Übliche Antwort von Interviewpartnern: „Ja, das kriegen wir hin.“ Damit hat ein Interviewpartner implizit versprochen, sich jeder Frage zu stellen und bei seinen Antworten schnell auf den Punkt zu kommen, statt lange herum zu schwafeln, sodass Sie nur fünf Fragen schaffen. Dass jemand ein klares Commitment einfach zurück zieht, ist wissenschaftlichen Studien zufolge wenig wahrscheinlich.

Bleiben Sie realistisch

Entwickeln Sie Interviewziele, die Sie mit dem Interviewpartner unter Berücksichtigung seiner kommunikativen Fähigkeiten und persönlichen/beruflichen Zwänge realistisch erreichen können. Und stimmen Sie Ihre Gesprächsstrategie darauf ab.

Der Philologe Friedrich Nietzsche sagte:

„Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.“ Für gute Interviewer muss es heißen: Sie sind hartnäckig in Bezug auf das Ziel und flexibel auf dem Weg.

 

Autor: Mario Müller-Dofel, Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“