kurz & knackig mit Martin Reim, Finanzen Verlag

„Jesus hätte ich gerne mal.“

Martin Reim ist stellvertretender Leiter des Ressorts „Private Finanzen“ beim Finanzen Verlag (€uro, €uro am Sonntag, Börse Online). Hier beantwortet er Fragen über Interviews, Interviewer und Interviewte

Im Mai 2015

Martin Reim - Finanzen Verlag
Martin Reim: “Lesen, lesen, lesen” sollten Interviewer, bevor sie sprechen (Foto: Privat)

Alles über Interviews: Herr Reim, was reizt Sie daran, Interviews zu führen?
Martin Reim: Der unmittelbare Kontakt mit Prominenten, die ich zuvor nur aus anderen Medien kannte. Das Privileg, nach Herzenslust zu fragen. Die Herausforderung, die Gesprächspartner möglichst auf der Linie zu halten, die ich vorgebe.

An welches Ihrer Interviews denken Sie am liebsten zurück?
Ein Interview mit Jörg Schneider, Finanzvorstand des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. Er sprach mit mir von Mensch zu Mensch und ließ mich tief in sein Privatleben blicken. Die Dame aus der Pressestelle ließ es dankenswerterweise zu.

Welches Interview haben Sie mal richtig versemmelt?
Gleich mein erstes, als freier Mitarbeiter einer Lokalausgabe der „Augsburger Allgemeinen“. Ich sollte einen Künstler interviewen, bei einer Vernissage. Ich war aber zu schüchtern. So goss ich seine Rede in Frage-Antwort-Form. Seine Beschwerde folgte umgehend.

Wann finden Sie Interviews schlecht?
Wenn Fragen abgespult werden, ohne nachzuhaken. Wenn sie aus Fachchinesisch bestehen. Wenn sie liebedienerisch sind. Wenn sie so umgeschrieben sind, dass die Antworten nicht mehr zu den Fragen passen (und die Redaktion dies durchgehen lässt).

Was ist für Sie das Wichtigste bei der Interviewvorbereitung?
Lesen, lesen, lesen, was über den Interviewten geschrieben wurde und welche Interviews er schon gegeben hat. Die passende Einstiegsfrage überlegen – inklusive möglicher Reaktionen, und die eigene Nachfrage auf diese Reaktion.

Haben Sie einen Tipp fürs Warm-up vor dem Interview?
Die Regularien ansprechen (bis wann Abstimmung etc.), Vertrauen aufbauen, sich selbst präsentieren, mehr reden als der Interviewte. Und das Warm-up kurz halten, sonst sagt der Gesprächspartner schon vorher Sätze, die ins Interview gehören.

Worauf kommt es beim Fragen besonders an?
Einen Plan haben, von dem man zwischendurch abweichen kann – aber nicht zu weit. Das Gegenüber ernst nehmen, ihm wirklich zuhören und auf seine Antworten eingehen. Wechseln zwischen ausreden lassen und unterbrechen.

Gehört die Autorisierung von Interviewtexten abgeschafft?
Unbedingt. Wenn es etwas gibt, worauf der Begriff „Lügenpresse“ passt, dann sind es viele Printinterviews (leider). Kein normaler Mensch hat Verständnis dafür, dass Gespräche oft nicht annähernd so gelaufen sind, wie die gedruckte Fassung suggeriert.

Welches Interviewformat in Deutschland gefällt Ihnen am besten?
Stücke im „SZ-Magazin“ lese ich meistens gerne. Überraschende Leute, überraschende Fragen, überraschende Antworten. Interviews von Arno Luik im „Stern“ faszinieren mich immer wieder. Er holt so viel aus den Leuten raus, das ist unglaublich.

Wen würden Sie gerne einmal interviewen?
Historisch: Jesus hätte ich gerne mal (Wie hat er wirklich getickt?). Aktuell: Angela Merkel (Welche politischen Anliegen sind ihr wirklich wichtig?).

Sie können der Pressesprecherzunft jetzt bis zu drei Fragen zum Thema Interview stellen.
Welche Fehler könnten Journalisten bei Interviews leicht vermeiden? Was machen auch erfahrene Interviewer falsch? Gibt es eine Lösung für das PR-Problem, lügen zu müssen, wenn Wechselgerüchte um Spitzenpersonal aufkommen? Schweigen gilt ja oft schon als Bestätigung.

Vielen Dank!

Martin Reim, Jahrgang 1965, ist Diplom-Volkswirt. Er volontierte bei der (katholischen) Bamberger Kirchenzeitung, absolvierte ein TV-Jahr beim MDR, arbeitete zwölf Jahre in der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, vier Jahre bei Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien (Financial Times Deutschland, Capital, Börse Online) und ist seit 2012 beim Finanzen Verlag (€uro, €uro am Sonntag, Börse Online). Er gewann zwei Mal den State-Street-Preis für Finanzjournalisten in der Kategorie „Interview“.

kurz & knackig Für die „Alles über Interviews“ – Serie beantworten Journalisten, Blogger, Volontäre, Studenten, Interviewte und Kommunikationsverantwortliche von Unternehmen und anderen Organisationen in loser Folge einen Fragebogen zum Thema Interview. Die elf Antworten sollen jeweils höchstens 250 Zeichen lang sein.