Kult-Interviewer Domian über Handwerk und Verantwortung

„Steigen die Dämonen in einem auf, hat man das Bedürfnis zu sprechen.“

In der Nacht sprechen die Menschen über bedrohliche Sorgen, tiefe Trauer, geächtete Gelüste und brennenden Hass. In der Nacht sprechen Menschen anders – und in der Nacht sprechen sie mit Jürgen Domian. Hier wird der bekannte WDR-Journalist befragt – über seine Interviewvorbereitung, nächtliche Gefühle, akustische Nuancen und Verantwortungsbewusstsein

Von Tim Farin*, im Dezember 2015

Seit mehr als zwei Jahrzehnten berät Domian in seiner gleichnamigen Nachtsendung im WDR-Fernsehen und auf dem Radiosender 1Live mit Anrufern über Themen, die tagsüber meist im Verborgenen bleiben. Ende 2016, so hat er beschlossen, ist Schluss mit diesem Format, das eine riesige Fangemeinde hat.

Domian gilt als Meister des personenzentrierten Interviews, als jemand, der das Vertrauen seiner Gesprächspartner gewinnt und Nacht für Nacht als Moderator mitunter therapieartige Interviews führt. Der aktuelle Kinofilm „Domian. Interview mit dem Tod“, der jetzt auch als Kauf-DVD erscheint, vermittelt einen tiefen Blick hinter die Kulissen und auf die Arbeit des Kölner Radiomachers. Weil in der Sendung „Domian“ nichts anderes passiert als Interviews, ist Jürgen Domian ein geeigneter Gesprächspartner für das wissensportal „Alles über Interviews“. Mit seinem Interviewer, Interviewdozent Tim Farin*, ist er übrigens per Du, weil sie sich bereits ein paarmal bei anderen Gelegenheiten getroffen haben.

Domian - Interviews führen im WDR
Jürgen Domian: Moderator der WDR-Gesprächssendung „Domian“ (Foto: WDR/Ludolf Dahmen)

Einen Tipp gibt Domian Journalisten übrigens, bevor das eigentliche Gespräch losgeht. Es sei „eine Unart von Journalisten, auch von gestandenen Kollegen, wenn sie die Wortlautinterviews nicht glätten“, sagt er. Das nerve ihn, denn er müsse dann alles neu formulieren. Da könne man gleich schriftliche Fragen schicken. Jürgen und Tim haben diesmal miteinander telefoniert.

 

„Die goldene Grundregel: Zuhören! Zuhören! Zuhören!“

 

Tim Farin: Jürgen, normalerweise stellst du am Telefon die Fragen, aber jetzt antwortest du. Magst du solche Situationen?
Jürgen Domian: Das ist schon okay. Natürlich hört jemand, der selbst viele Fragen stellt, einem Fragenden immer eher kritisch zu.

Also wird es jetzt schwieriger für mich…
Nicht unbedingt.

Um ein gutes Interview zu führen, braucht es Vorbereitung. Du bist ein Meister der Interviews, hast aber keine Gelegenheit, dich auf deine Gesprächspartner vorzubereiten. Warum kannst du trotzdem gelungene Gespräche führen?
Wenn „Domian“ einen Themenschwerpunkt hat – etwa Glaube, Sekten, Drogen –, muss ich mich intensiv darauf vorbereiten. Aber ich kann mich eben nicht auf die Anrufer im Einzelnen vorbereiten, da ich ja nie weiß, wer anruft. Grundsätzlich sieht meine Vorbereitung auf jede Sendung so aus, dass ich sehr viele Medien aufnehme. Ich lese jeden Tag eine Menge Zeitungen – gedruckt und online, von Boulevard bis anspruchsvoll – und ich sehe sehr viel fern, weil die Anrufer oft Themen aus vorhergehenden Sendungen weiterführen. Zum Beispiel aus „hart aber fair“ oder „Maybrit Illner“. Aber ich gucke mir auch „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ an, denn zu diesen Ereignissen rufen die Leute halt ebenfalls an. Auf der Basis dieses Grundwissens führe ich rein personenzentrierte Interviews.

Du weißt über die Person, die zu dir durchgestellt wird, wirklich nur den Namen?
Ich sehe auf dem PC nur den Namen und das Alter des Anrufers, sonst nichts. Meine erste Frage lautete daher immer: Was ist dein Thema?

So können die Anrufer das Ziel des Gesprächs vorgeben?
Sie geben bei Domian das Thema vor, das Ziel muss ich erreichen.

 

„Es darf keine entscheidende Frage offen bleiben.“

 

Wenn du diese ersten Worte hörst – weißt du dann sofort ein Ziel, ein mögliches Ende des Gesprächs?
Nein, das mögliche Ende weiß ich nicht. Aber mein Ziel ist es, so schnell wie möglich, ohne den Anrufer zu bedrängen, sein Anliegen, die wichtigsten Eckdaten seiner Geschichte zu erfragen. Auf dieser Basis kann ich weiterarbeiten: Zum Beispiel meine Meinung sagen, einen Rat formulieren oder gemeinsam mit dem Anrufer eine Lösung überlegen. Oberstes Gebot beim Intervieweinstieg ist für mich: Den Anrufer binnen weniger Minuten zu erfassen. Und das Endziel bei Domian heißt: Es darf keine entscheidende Frage mehr offen bleiben.

Hast du für dieses Eingrenzen eine bestimmte Fragetechnik gelernt oder Lehrgänge gemacht?
Ja, das geschah während meiner Ausbildung beim WDR. Dort habe ich einen großartigen Lehrmeister kennengelernt, Professor Hanko Bommert, einen Psychologen von der Universität Münster. Bommert bot Lehrgänge für das personenzentrierte Interview an. Bei ihm habe ich das kleine Einmaleins gelernt für diese Art Interviews: ohne Vorbereitung reingehen, das Bestmögliche herausschälen.

Gibt es hierfür eine Kernfrage?
Eine klassische Kernfrage gibt es nicht. Dafür eine goldene Grundregel: Zuhören! Zuhören! Zuhören! Man muss auf alles achten, denn man kann alles deuten. Oftmals legt ein Gesprächspartner einem eine Kleinigkeit in einem Nebensatz auf den Tisch. Man muss dann in Sekundenschnelle entscheiden, wie und ob man es aufgreifen soll. Denn genau so eine Kleinigkeit kann das Interview dann unter Umständen hochspannend machen und ganz neue Erkenntnisse bringen.

Ein interessanter Aspekt für Journalisten, die häufig mit einem Fragezettel arbeiten – wie ich in diesem Moment auch…
Ja, aber du führst ja in diesem Moment auch ein anderes Interview. Für ein solches Interview ist ein Fragenzettel durchaus in Ordnung. Allerdings sollte auch für dich die obengenannte goldene Grundregel gelten.

Aber andere Journalisten können vermutlich dennoch etwas von dir lernen: Wo weichen wir vom Konzept ab, wo haken wir nach?
Das ist genau der Punkt. Bei jeder Interviewform, auch beim sachzentrierten Interview, muss man den Mut aufbringen vielleicht sogar das ganze Konzept über Bord zu werfen, wenn der Gesprächspartner einem etwas Besonderes vorlegt. Natürlich muss sich jeder politische Journalist, jeder Talkmaster bestmöglich auf Thema und Person vorbereiten, aber er muss während des Interviews auch hellwach sein. Wie oft habe ich schon erlebt, dass gestandene Journalistenkollegen vor mir saßen, an ihrem Fragezettel klebten und mich überhaupt nicht anguckten, während ich antwortete. Sie lasen in diesem Moment schon ihre nächste Frage. Das erlebt man übrigens auch immer wieder bei Talkshows im Fernsehen. Ein solches Verhalten ist übrigens für nichtprofessionelle Interviewpartner äußerst irritierend.

Und das Zuhören leidet ja auch.
Absolut, ich kann nicht richtig zuhören, wenn ich auf den Zettel schaue und lese. Dabei kann einem so viel entgehen.

Domian - Interviews führen beim WDR
Jürgen Domian: In Aktion in seiner gleichnamigen WDR-Sendung „Domian“(Foto: WDR/Ludolf Dahmen)

Bei deinen Interviewpartnern überwindest du ein weiteres Hindernis: Sie sehen dich auf dem Bildschirm, aber du kannst sie nicht sehen. Wie bekommst du dennoch ausreichend Informationen?
Ich stimme zu, dass es ein großer Vorteil ist, jemanden beim Interview zu sehen, weil man zusätzliche Informationen bekommt: Wie sitzt der Gesprächsteilnehmer? Wie schaut er? Wie ist er angezogen? Welche Mimik hat er? Genau deshalb bin ich sehr daran interessiert, in Zukunft Talkshows zu moderieren, bei denen ich meine Interviewpartner auch endlich sehen kann. In meiner jetzigen Sendung bin ich allein auf das Akustische angewiesen. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, die akustischen Nuancen einzuordnen. Ich weiß bei etwa 90 Prozent der Anrufer schon nach fünf bis zehn Sekunden, ob das Gespräch einfach oder schwierig wird. Wie begrüßt mich jemand? Wie formuliert er sein Thema? Wie ist seine Stimme? Kann er sich artikulieren? Atmet er schwer? Wie präsent ist er? Und so weiter. All das weist mir eine Richtung, wie das Gespräch verlaufen wird.

 

„Jeder Anrufer wird bei Domian ernst genommen.“

 

Hast du eine Idee, warum so viele Menschen dir Vertrauen schenken?
Es liegt sicher an den Grundsätzen unserer Sendung. Alle Anrufer werden ernst genommen. Wir bemühen uns um einen respektvollen Umgang. Es wird niemand vorgeführt. Und alle, die es benötigen, werden nach dem Gespräch in der Sendung durch unsere Psychologen professionell im Hintergrund nachbetreut. Zudem habe ich mich von Anfang an bemüht, eben nicht nur der Frager zu sein, sondern auch der Erzähler mit all seinen Unzulänglichkeiten.

Beispielsweise?
Das gravierendste Beispiel ist meine Bulimie-Erkrankung vor mehr als 30 Jahren. Als ich das zum ersten Mal erzählte, während eines Interviews mit einer betroffenen Zuhörerin, hat das einen enormen Glaubwürdigkeits- und Vertrauensschub mit sich gebracht. Ich bekam einen ganz anderen Zugang zu der Person. Wenn die Menschen sehen, dass ich offen bin, sind sie eben auch bereit, sich selbst zu öffnen.

Domian, also die Sendung selbst, scheint ja auf einer Art Vertrauensplattform zu stehen. Wie kommt das?
Da kommt sicher viel zusammen. Die Leute haben gemerkt, dass wir im Hintergrund ehrlich arbeiten. Bei uns wird nichts gefakt. Niemand wird auf den Sender gedrängt, alles basiert auf absoluter Freiwilligkeit und Eigeninitiative. Und wir bieten eben die Sendung auch als Kommunikationsplattform an. Es kam schon oft vor, dass Menschen zum Beispiel mit seltenen Krankheiten über uns andere in gleicher Weise Betroffene gesucht und gefunden haben.

Die Sendung lebt von deiner Empathie, deinem Zuhören – jede Nacht 60 Minuten. Wie hältst du die Spannung aufrecht, etwa wenn du einmal angeschlagen bist?
Natürlich bin ich nicht jeden Tag gleich gut drauf. Mit Professionalität kann man sich aber auf ein gewisses Level begeben. Hinzu kommen die Menschen und ihre Schicksale. Selbst wenn ich mal angeschlagen im Studio sitze, ist das sehr schnell vergessen, wenn ich mit einem Anrufer spreche, der eine dramatische Geschichte erzählt.

Weil es notwendig ist?
Es passiert automatisch. Der Respekt vor diesem Anrufer fordert es auch von mir. Das geht den meisten Ärzten oder Krankenschwestern genauso.

Brauchst du zwischendurch weniger ernste Gespräche, um auszuspannen?
Mein Team baut die Sendung ja so, dass wir natürlich auch unterhaltsame Themen reinnehmen, wenn das Angebot es hergibt. Klar: Die Sendung ist und soll eine Melange aus ernsten Themen, Entertainment und Journalismus sein.

 

„Es ist sehr interessant, wenn uns Dinge angeschwemmt werden, für die andere Kollegen verzweifelt recherchieren müssten.“

 

Hast du eine journalistische Mission mit der Sendung?
Was heißt schon Mission? Für uns ist es immer wieder interessant, wenn gravierende Dinge in der Welt passieren. Dann haben wir häufig einige der ersten Zeugen in der Sendung. Das war so nach dem Amoklauf in Winnenden, nach dem schweren Zugunglück in Eschede oder nach den Terroranschlägen in New York am 11. September 2001. Journalistisch ist es sehr interessant, wenn uns Dinge angeschwemmt werden, für die andere Kollegen verzweifelt recherchieren müssten.

Wie sieht es mit der journalistischen Themensetzung aus?
Wir gehen immer wieder Themen an, die wir ins Gespräch bringen möchten. Das war im vergangenen Jahr etwa das Thema Sodomie. Anlass war, dass der Innenausschuss des Bundestags sich damit beschäftigte, um ein Verbot vorzubereiten. Wir haben die Leitungen aufgemacht und sofort Menschen am Telefon gehabt, die Sodomie praktizieren. Für normal recherchierende Journalisten wäre es kaum möglich, sie zu erreichen.

Gibt es  Fälle, bei denen du denkst: „Das habe ich schon so oft besprochen, da wird es jetzt langweilig“?
Eindeutig, nein. Natürlich gibt es gewisse Konstellationen, die immer wieder ähnlich sind, etwa beim Fremdgehen, bei Liebeskummer oder Eifersucht. Aber das gibt es ja in jedem Beruf. Man muss professionell sein, und dann wird es auch gut. Mich fasziniert, dass wir auch nach mehr als zwei Jahrzehnten jede Nacht eine große Herausforderung meistern müssen. Die Biographien, die Schicksale der Menschen stellen sich immer wieder anders dar und fordern mich auch ganz neu.

Gibt es für dich Vorbilder oder Talkmaster, die dich zu diesem Format inspiriert haben?
Vorbilder für dieses Format direkt nicht. Als wir den Jugendsender 1LIVE beim WDR installierten, sprach mich der damalige Intendant Fritz Pleitgen an. Er wollte irgendetwas live mit Telefonen auf der neuen Welle haben. Es war ein Zufall, dass ich kurz darauf nach Amerika in den Urlaub fuhr. Dort habe ich die Talk-Radio-Hosts gesehen, die ja teilweise große Stars sind und auch bimedial arbeiten. Ich erzählte Pleitgen davon, und da er als ehemaliger USA-Korrespondent auch amerikaaffin war, sagte er: „Versuchen wir es mal.“ Unser Konzept war aber nie eine Kopie.

An wem hast du dich denn besonders orientiert?
Nicht an einem dieser US-Talkshow-Hosts, sondern am ehesten an einer deutschen Journalistin: Der WDR-Frau Carmen Thomas, die mit der Sendung „Hallo Ü-Wagen“ rausfuhr und Leute zu einem Thema auf die Bühne holte. Sie musste damals an die Interviews genauso herangehen, wie wir heute in der Nacht. Ich habe sie als junger Journalist sehr bewundert.

„Domian“ ist eine Nachtsendung. Was macht die Nacht mit der Kommunikation der Menschen?
Die Nacht ist ein sonderbarer Ort. Das weiß jeder von sich selbst: Nachts ist man am ehesten auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist dunkel, still, es gibt keinen Alltag, der ablenkt. Viele Menschen sind nachts alleine. Dann steigen die Dämonen in einem auf, und man hat das Bedürfnis zu sprechen. Man spricht mit einem Freund nachts in der Bar anders als tagsüber im Eiscafé.

Gibt es auch Themen, über die man nur nachts spricht?
Ich würde sagen, es sind Themen, über die man eher nachts spricht.

Du hast also eine besondere Situation, in der Menschen allein sind und reden wollen, und du hast medienunerfahrene Gesprächspartner mit tiefen Problemen. Wie sehr musst du deine Gesprächspartner vor sich selbst schützen?
Das ist absolut notwendig. Meine Mitarbeiter weisen die Leute im Vorgespräch auf das Risiko hin, dass sie eventuell an der Stimme erkannt werden. Meine Verantwortung ist es, im Auge zu haben, dass wir auf einer öffentlichen Bühne stehen. Wir wissen aus Befragungen, dass die Anrufer diesen öffentlichen Charakter des Gesprächs oft vergessen. Ich darf das nicht ganz ausblenden, sondern muss immer beachten, dass den Menschen die Gespräche nicht schaden sollen. Bislang habe ich, Gott sei Dank, auch noch nie von einem solchen Schaden erfahren.

Hast du schon einmal bei einem Gesprächspartner im Nachgang angerufen, weil du das Gefühlt hattest, etwas korrigieren zu müssen?
Das gibt es selten, aber es kommt vor. Ich erinnere mich an den Anruf eines jungen Mannes, er war Mitte 20. Er berichtete – für uns alle sehr schockierend – vom schweren sexuellen Missbrauch seines Bruders durch einen Nachbarn. Der Täter hatte eine sehr geringe Strafe bekommen – und nun stand an, dass er wieder in die Nachbarschaft ziehen und der kleine Bruder erneut mit ihm konfrontiert würde. Der Anrufer war zudem noch der wichtigste Bezugspunkt für seinen kleinen Bruder. Im Gespräch ließ der junge Mann durchklingen, dass er mit dem Täter irgendetwas Schlimmes machen würde. Ich war so emotionalisiert, dass ich das nicht weiter kommentierte.

 

„Ich sah, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte.“

 

Das musste falsch verstanden werden?
Ja, man musste meinen: Der Domian findet das auch gut, wenn der Anrufer dem Täter die Fresse poliert – oder vielleicht sogar etwas Schlimmeres macht. Als ich nach der Sendung mein Team traf, konnte ich direkt sehen, dass es nicht gut gelaufen war. Wir haben das besprochen – und ich sah, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte.

Was hast du dann getan?
Ich habe eine Nacht drüber geschlafen und am Tag danach privat bei ihm angerufen. Da der Anrufer ein sehr derber Junge war, konnte ich nicht mit theoretischen Begriffen von Recht, Selbstjustiz und Zivilisation kommen. Dann habe ich ihm gesagt: Bei allem Verständnis für dein Bedürfnis nach Rache würde dein kleiner Bruder ein zweites Mal zum Opfer. Denn wenn du dem Täter etwas Schlimmes antust, sitzt du hinter Gittern und bist nicht für ihn da. Das hat den jungen Mann überzeugt.

Mit deinem Anruf hatte er wohl nicht gerechnet…
Nein. Aber es war sehr gut so. Es hat mich gefreut, dass er wirklich kapiert hat, was ich ihm vermitteln wollte.

Du hast nach jeder Sendung eine Besprechung mit dem Team. Dient das mehr der Qualitätskontrolle oder deinem eigenen Seelenheil?
Beidem. Es ist immer interessant, sofort das Feedback der Kollegen zu bekommen. Für mich ist die Kritik der Mitarbeiter sehr hilfreich: Wann war das Gespräch zu lang? Welche Fehler habe ich gemacht? Was ist gut gelaufen? Ich finde es auch interessant, von den Psychologen zu erfahren, was in den Nachgesprächen passierte. Daraus lerne ich für meine Gesprächsführung, meine Ratschläge. Nach sehr schlimmen Gesprächen fängt es mich auch auf, darüber nochmal zu reden. Solche Sitzungen dauern manchmal weit mehr als eine Stunde, also bis drei Uhr nachts oder länger. Dann ist schon der erste Verarbeitungsschritt getan. Müsste ich ohne solche Gespräche sofort durch die Nacht nachhause fahren, hätte ich die Sendung nie so lange machen können.

In deinem Berufsleben geht es ums Reden. In deinem Urlaub fährst du jeden Sommer alleine ins menschenleere Lappland und schweigst. Ist es das Ziel aller Gespräche, dass man danach gedankenleer und inhaltslos schweigen kann?
Ja. Es ist schön, wenn man irgendwann einmal alles Wichtige gesagt hat und man gar nicht mehr groß reden muss. Das gilt in Liebesbeziehungen und auch in guten Freundschaften: Wenn alles, was sprachlich zu klären war, geklärt ist, ist Schweigen schön. Für mich ist dieses Abtauchen in Lappland eine Art Exerzitien-Halten. Eine Gegenwelt quasi zu meinem kommunikativen Alltag. Ich spüre, dass ich Zeiten im Jahr brauche, in denen ich nicht durch Sprache und Sprechen vom Wesentlichen des Lebens abgelenkt werde.

Vielen Dank für Deine Zeit.

Jürgen Domian, geboren 1957 in Gummersbach, studierte Germanistik, Philosophie und Politik in Köln. Bereits währenddessen jobbte er als Kabelträger beim Fernsehen. Später moderierte er die WDR-Sendung „Blue Monday“ und ab 1993 die Telefon-Talk-Radiosendung „Die heiße Nummer“, die der heutigen Sendung „Domian“ ähnelte. Am 3. April 1995 strahlte der gerade erst gestartete WDR-Jugendsender 1LIVE die erste „Domian“-Ausgabe aus. Die letzte Sendung läuft Ende 2016.

Tim Farin ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.