Blogger im Interview: Wenn Digitale Leute reden

„Wenn es um Suchmaschinen geht, sind Interviews großartig“

Thomas Riedel ist das Gesicht des Internetportals digitale-leute.de, ein Angebot von deutsche startups. Er stellt Machern aus der Digitalbranche Fragen und erfährt so eine Menge darüber, wie Designer, Softwareentwickler, Marketingmanager und viele andere Experten arbeiten. Aus einem reinen Web-Format entwickelte sich zudem ein Live-Talk, bei dem digitale Leute auf der Bühne über ihre Karriere und ihre Arbeit reden. Thomas Riedel berichtet, welche Personen ihn interessieren und warum er sich verhält wie ein Sportreporter.

Tim Farin*, im Juli 2017

Digitale Leute - Thomas Riedel - Interview
„Wir bekommen viel Feedback aus dem Netz.“ Thomas Riedel lebt digital. (Foto: Tim Farin)

In diesem Interview erzählt Thomas Riedel, wieso das Webformat Digitale Leute auf Gesprächsführung setzt, um Macher aus der Internetwirtschaft vorzustellen – und was Live-Gespräche auf der Bühne besonders macht.

Tim Farin: Thomas, du führst Interviews für Digitale Leute. Arbeitest Du mit einem Papier-Fragezettel, mit Karteikarten – oder kommen die Fragen von einem Tablet?
Thomas Riedel: Ich arbeite mittlerweile mit einem Zettel. Anfangs hatte ich meinen Laptop aufgebaut und die Fragen aus einem Google Doc abgelesen. Da habe ich dann immer Häkchen hinter gemacht – aber wenn ich kein Internet hatte, war das sehr schlecht, weil ich nicht abhaken konnte. Also habe ich dann die Fragen ausgedruckt. Letztlich arbeiten wir auch bei jedem Interview mit den gleichen Grundfragen. Heute nutze ich eine Din-A4-Seite Papier, die falte ich zweimal, stecke sie in mein Blöckchen zusammen mit einem Stift. Das ist immer derselbe Zettel, auf dem ich genau erkennen kann, wo ich im Gespräch bin.

Immer derselbe Zettel – wie erkennst du dann, was dir in diesem Gespräch noch fehlt?
Ich wechsele ab zwischen Haken und Kreisen. Die male ich immer hinten an die Fragen. Damit weiß ich beim Scannen jederzeit, ob ich die Fragen schon hatte in diesem Interview. Ich markiere das auch, wenn ich absichtlich Fragen auslasse. Überhaupt ist Papier das beste Medium für diesen Zweck, es kostet wenig, kann runterfallen, man kann es falten und es kann nass werden, alles völlig egal.

Das ist interessant: Bei den Leuten, mit denen du sprichst, ist Papier sicher nicht mehr so sehr en vogue…
Ich habe etwas anderes beobachtet: Je erfolgreicher das Unternehmen ist und je weiter der Gesprächspartner aufgestiegen ist, desto eher hat er Papier dabei: Blöcke, Zettel, Haftnotizen. Dadurch sind die erfolgreichen Leute erst richtig effektiv.

Hast du die Erfahrung gemacht, dass Technik beim Fragestellen stören kann?
Ja. Ich versuche immer, Technik so aufzubauen, dass sie nicht stört. Nur das Mikrofon muss auf dem Tisch stehen, und das irritiert oft schon genug, weil ich eben prüfe, ob es ordentlich läuft. Ich versuche immer möglichst klar zu sagen, was ich da mache – dann stört es die Gesprächspartner nicht mehr so sehr. Ich schalte selbst mein Handy aus und bitte auch immer die Interviewpartner, das zu tun – so kann man sich besser aufeinander einlassen.

 

„Ich mag es einfach, Experten Fragen zu stellen und zu lernen.“

 

Ist das mit Digitalmenschen nicht schwierig?
Nein. Ich erlebe es so, dass die Gesprächspartner sich die Zeit nehmen und sich auf die Situation einlassen. Erstaunlicherweise sind Leute, die Apps entwickeln, nicht so leicht abzulenken von Facebook oder andere Angeboten.

Warum habt ihr denn das Interviewformat für die Vorstellung von Menschen aus der Digitalbranche gewählt?
Das hat sicher damit zu tun, dass Stefan Vosskoetter, der Geschäftsführer der DS Media und damit auch mein Chef, immer wieder gute Interviews zu digitalen Tools gelesen hat. Er wünschte sich tiefe, lange Interviews zur Person – in deutscher Sprache. Zufälligerweise traf ich im Kölner Startup-Inkubator Startplatz auf ihn, ich hatte da gerade meinen alten Job verloren. Er stellte mir die Idee vor und fragte mich, ob ich Interviews führen kann. Klar, sagte ich, das ist mein Steckenpferd, ich mag es einfach, Experten Fragen zu stellen und zu lernen. Am nächsten Tag hatte ich meinen Arbeitsvertrag.

Aber was spricht inhaltlich für Interviews statt etwa Reportagen oder reinen Berichten?
Interviews sind sehr persönlich, authentisch. Wenn es um Suchmaschinen geht, sind Interviews großartig. Man kommt mit Menschen sehr gut in Kontakt und erweitert so das eigene Netzwerk. Und, auch das muss ich sagen, wir lernen jedes Mal ganz viel dazu. Wir beschäftigen uns mit Produktentwicklung – das ist auch unser eigenes Thema. Ich kann jede Frage stellen und aus den Antworten auch für mich selber lernen.

Auf mich wirkt es widersprüchlich. Ich hätte gedacht, Menschen aus der Tech- und Internetszene haben keine Zeit für „Gelaber“, sie wollen nur Fakten.
Das stimmt, aber unsere Interviews enthalten auch wenig „Gelaber“. Wir suchen uns keine CEOs raus, wir wollen keine Menschen aus dem C-Level. Und wir nehmen keine Anfänger. Unsere Gesprächspartner, die selbst aktiv an der Produktentwicklung arbeiten. Ich will wissen, welche Prozesse diese Menschen nutzen, um Produkte zu entwickeln. Da kann man nicht labern, da geht es um konkrete Details.

In der Interviewlehre teilt man klassischerweise ein: Interviews zur Sache, zur Meinung oder zur Person – welche Art Interviews verfolgt ihr mit Digitale Leute?
Es geht erstmal um die Sache, aber eben auch stark um die Person. Wir heißen „Digitale Leute“, und wir wollen wissen, welche Rolle die Person spielt. Die ist interessanterweise in dieser Branche wichtig – und zugleich nicht wichtig.

 

„Mir steht bei Digitale Leute keine urteilende oder moralische Position zu.“

 

Wie soll ich das verstehen?
Früher gab es einen zuständigen Designer. Der hat etwas entworfen, das war sein Werk, alle haben es bewundert und es war klar, wer das verantwortet hat. Heute muss man sich als Person ganz stark zurücknehmen, das Produkt steht immer im Vordergrund. Das ist sehr spannend, gerade auch zu sehen, wie die Menschen damit umgehen – sie sind ja hochqualifiziert und haben immer noch großen Einfluss.

Welche Rolle spielst du persönlich, als Fragesteller?
Nun, mein Name steht drüber, mein Foto ist unter dem Text. Die Fragen sind sehr neutral. Aber im Gespräch setze ich inzwischen viel mehr auf Dialog. Das liest sich auch besser. Das bin natürlich dann schon ich, als Gesprächsführender.

Brauchst du bei Digitale Leute eine Meinung?
Nein, ich muss neugierig sein und nachfragen. Ich kann mir nicht anmaßen zu beurteilen, wie Unternehmen etwas machen. Ich frage eher zum Verständnis nach. Mir steht keine urteilende oder moralische Position zu.

Digitale Leute - Thomas Riedel - Interview
„Je weiter der Gesprächspartner aufgestiegen ist, desto eher hat er Papier dabei“, sagt der Interviewer. (Foto: Tim Farin)

Weichst du denn manchmal vom Fragekonzept ab?
Es kommt schon vor, dass ich im Gespräch etwas einfach wissen will, was überhaupt nichts mit dem später veröffentlichten Thema zu tun hat. Da sitzt eben ein Mensch vor mir und ich habe die Chance, ihn etwas zu fragen, was mich in dem Moment interessiert. Dann nutze ich sie auch. Manchmal sagt mein Chef dann: „Du hast ihm doch nicht wirklich diese Frage gestellt?“ Aber ich finde, dass die Neugierde immer dazu gehört, auch wenn das am Ende mit dem fertigen Text nichts zu tun hat.

In dieser Branche kursieren viele, meist englische Fachbegriffe. Musst du die für dein Publikum übersetzen?
Es hat sich entwickelt, und zwar zu weniger Übersetzung. Inzwischen lassen wir viel mehr „Branchensprech“ durchgehen, „Scrum“, „Incubator“ oder „agile“. Die digitalen Leute sollen reden, wie sie es eben tun. Wir wollen nicht den Sound eines Deutsch-Aufsatzes. Aber das ist ein Prozess, wir müssen das jedes Mal neu entscheiden. Ich finde, es sollte authentisch sein – aber das bringt so manche Battle mit dem Kollegen und der Korrektorin.

Wem nützt es, Digitale Leute zu lesen?
Ich habe als Zielgruppe jene Leute vor Augen, die selbst digitale Produkte entwickeln. Das kann der Azubi sein, der eine App bauen möchte – oder der Manager aus der Venture-Capital-Firma, der sich informieren möchte. Es gibt sehr viele Menschen, die sich dafür interessieren, wie das mit der Produktentwicklung in einer bestimmten Firma läuft.

Spielt der Bekanntheitsgrad der Firma eine Rolle?
Klar, wenn es um Vodafone geht, interessiert das erstmal mehr Leser als bei Havas Beebop. Aber wir setzen auf den Kontrast und erreichen gerade bei Firmen, die nicht so bekannt sind, oft sehr spannende Einblicke.

 

„Wir schaffen es meistens, dass die PR-Abteilungen nicht alles glätten.“

 

Bieten Interviews bei euch also Nutzwert?
Ich hoffe es. Wir bekommen viel Feedback aus dem Netz, da gibt es viel Lob für die Informationen, die Einblicke. Bei uns geht es ja auch um wirklich praktische Informationen zu Tools und Prozessen, das hilft den Lesern, ihre eigene Rolle zu reflektieren.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Firmen und Gesprächspartner aus?
Es gibt eine sehr lange Liste mit Menschen, die ich schon immer mal interviewen wollte, aber das ist der kleinere Teil. Auf der anderen Seite gibt es jene Namen, die aus Sicht unserer eigenen Geschäftsentwicklung wichtig sind. Da geht es um Namen, die gerade angesagt sind, die viel Publikum versprechen. Oft ist es auch offensichtlich, Microsoft oder Vodafone, das zieht einfach. Und inzwischen ist die Wahrscheinlichkeit auch groß, dass wir bei diesen prominenten Unternehmen eine Zusage bekommen, weil wir auf bereits geführte Interviews verweisen können. Dann gibt es Leute, die in Social Media sehr aktiv sind und deswegen auch sehr wichtig für uns – natürlich nicht nur, aber eben auch wegen ihrer viralen Wirkung. Und es gibt immer wieder viele Vorschläge von Lesern oder Firmen selbst. Auch das ist immer wieder interessant.

Digitale Leute Meetup
Live auf der Bühne: Thomas Riedel im Gespräch mit Martin Biermann von HRS. (Bild: Tim Farin)

Ihr blickt unmittelbar in die Wahrheit eines Unternehmens. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den PR-Abteilungen?
Wir haben von Beginn an versucht, sie zugleich möglichst weit rauszuhalten und doch eng mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Fotos für unsere Interviews werden nicht gestellt, die Tische sind nicht aufgeräumt, die Büros sehen wirklich so aus. Auch in den Texten schaffen wir es meistens, dass die PR-Abteilungen nicht alles glätten.

Wie denn?
Da gibt es einen Trick. Wenn man den Interviewpartner anfixt und nicht die PR-Abteilung anfragt, ist viel mehr Freiheit möglich. Ist sein Ego groß genug, dann überzeugt er die PR-Abteilung. Gerade gute Mitarbeiter dürfen sich etwas wünschen. Klar: Auch bei unseren Gesprächen spielen die PR-Leute eine Rolle. Aber das läuft eigentlich immer sehr partnerschaftlich. Natürlich bieten wir an, dass die Texte gegengelesen werden.

Mit welchen Erfahrungen?
Mit guten. Das liegt aber auch daran, dass wir eher Sportberichterstatter sind, nicht Kritiker. Wir finden doch meistens gut, was die Leute machen, die entwickeln geile Produkte – sonst würden wir das nicht machen. Da gibt es wenig Raum für Ärger, höchstens, wenn ein Prototyp noch nicht kommunikativ freigegeben ist.

Wie stehst du denn grundsätzlich zur Autorisierung?
Ich finde das gut. Ich hatte sogar ein Erlebnis, da habe ich einen Text geschickt – und bekam einen Anruf von der Pressestelle. Der Interviewpartner könne sich damit überhaupt nicht identifizieren. Okay, das nagt erstmal. Aber dann kam der neue Text, und ich muss sagen: da hat alles gepasst. Ich hatte keine andere Wahl mehr, es war sprachlich und inhaltlich super – und dazu noch in meinem Stil.

Welche Rolle spielt Vorbereitung bei dir?
Gar keine. Man könnte sich über die Vita des Gesprächspartners informieren und über das Unternehmen. Aber das spielt in unserem Format keine Rolle. Wir wollen nicht hinterfragen, sondern erfragen, frei von Vorurteilen die Person sprechen lassen.

Ihr macht auch Live-Talks, die Digitale Leute Meetups, auf einer Bühne vor Publikum. Gilt das mit der Vorbereitung auch dort?
Nein, da gibt es viel weniger Fehlertoleranz. Da ist Vorbereitung entscheidend, das Publikum zwingt einen hier zu sehr stringentem Vorgehen. Beim Live-Interview kann ich mir höchstens eine Frage erlauben, die nicht sitzt. Das Gespräch ist gut vorbereitet, auch wenn es locker wirken mag. Es gibt ein Vorgespräch, wo ich den Interviewpartner kennenlerne, da finden wir einen Weg und besprechen interessante Aspekte, um dem Publikum eine Story zu liefern.

Sind Gesprächspartner vor Publikum vorsichtiger?
Ja, denn es gibt das Formulierungsproblem. Wer auf der Bühne spricht, muss aufpassen. Aber wir holen natürlich nur Leute dorthin, die reden können. Diese Gesprächspartner haben Erfahrungen von Konferenzen und anderen Talks. Entscheidend ist die Auswahl der Interviewpartner – wenn die passt, ist das schon die halbe Miete.

Geht es euch darum, Zitate oder Schlagzeilen zu bekommen?
Nein. Unser Fokus liegt immer auf Methoden, auf Prozessen. Auch live geht es nicht um Name-Dropping oder griffige Zitate. Es geht uns immer um eines: Zu verstehen, wie die Menschen arbeiten, mit denen wir sprechen.

Vielen Dank für das Gespräch, Thomas.

 

 * Tim Farin ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.