Interviewautorisierung

Meist senden Journalisten ihren Interviewtext vor der Veröffentlichung an den Befragten, damit der ihn freigibt. Damit lassen Sie das Interview autorisieren. Die sogenannte Autorisierung ist Sitte hierzulande – auch wenn sie beide Seiten häufig nervt. Denn in dieser letzten Phase des Interviewprozesses verhunzen viele Interviewte den Text. Gründe und Gegenmittel dafür

Hintergründe für Textänderungen durch Interviewte

Die Autorisierung, auch Abstimmung oder Freigabe genannt, ist eigentlich eine gute Idee: Der Interviewte checkt, ob der Interviewer ihn korrekt wiedergegeben hat. Dabei fliegen immer wieder Fehler auf. Allerdings nutzen Interviewte und Pressesprecher die Autorisierung gern, um klare Aussagen im Nachhinein zu vernebeln, ganze Antwortsätze zu streichen oder original gestellte Fragen zu löschen. Die dabei zutage tretenden Interessenskonflikte zwischen ihnen und Journalisten führen häufig zum Streit. Konkrete Ursachen bei Textänderungen in Interviews sind:

Spätes Erwachen

Dem Interviewten/Pressesprecher wurde erst spät bewusst, dass bestimmte Interviewaussagen negative Folgen für ihn haben könnten. Deshalb will er den Text im Nachhinein butterweich formulieren.

Politische Zwänge

Der Interviewte muss zum Beispiel verschiedenen Interessengruppen gerecht werden und kann sich deshalb nicht öffentlich festlegen.

Mangelhafte Textkompetenz

Der Interviewte hat keine Ahnung davon, wie man einen Text aus journalistischer Sicht lesefreundlich aufbereitet und stopft ihn deshalb zum Beispiel mit (häufig sinnleeren) Adjektiven aus dem PR-Wortkasten voll.

Fehlende Interviewerfahrung

Der mit Medien unerfahrene Interviewte oder sein Pressesprecher meint, es müsse doch das gesprochene Wort unverändert aufgeschrieben werden, erbost sich deshalb über Veränderungen am Wortlaut durch den Journalisten und will seine originalen Formulierungen zurück, obwohl die für Leser viel zu lang oder einfach nur unverständlich wären.

Gesetzliche Schweigepflicht

Der Interviewte muss aus juristischen Gründen schweigen, zum Beispiel während laufender Gerichtsverfahren oder geschäftlicher Verhandlungen und in Bezug auf Patienten. Dennoch hat er sich zum Plaudern verleiten lassen.

Fünf Tipps für gute Kompromisse

Jammern über die Autorisierung bringt nichts. Versuchen Sie besser, clever mit ihr umzugehen.

Machen Sie es eilig

Bei sehr kurzen Interviews oder bei Interviews die sehr schnell veröffentlicht werden sollen, rufen Sie den Interviewten an, um ihm den Text schnell vorzulesen. Das klappt oft, wenn Sie ein Vertrauensverhältnis zum Gesprächspartner haben.

Faxen statt mailen

Senden Sie ein Fax mit dem gelayouteten Interviewtext an Ihren Gesprächspartner. Dann wird oft weniger am Text geändert als in Word-Dokumenten. (Allerdings bestehen viele Interviewte/Pressesprecher auf Word-Dokumenten, weil sie ihre Änderungswünsche direkt ins Dokument schreiben wollen.)

Geben Sie nur den Lauftext heraus

Senden Sie keine Headlines, Subheadlines, herausgehobenen Zitate, Bildunterschriften und Bilder zur Abstimmung, zumal Interviewte dies meist nicht verlangen. Ansonsten machen Sie sie auf die besten Aussagen aufmerksam und bekommen sie womöglich verändert zurück.

Erklären Sie den Text wertschätzend

Erklären Sie dem Interviewten in wertschätzendem Ton, warum und mit welchem Ziel Sie den Originalwortlaut gekürzt, umgestellt und zugespitzt haben und welchen Nutzen er davon hat.

Setzen Sie eine Rückmeldungsfrist

Setzen Sie eine Frist zur Rücksendung der autorisierten Fassung, der Ihnen einen Zeitpuffer lässt. So beugen Sie unangenehmen Produktionsdruck vor, falls der Interviewte sich mit der Freigabe verspätet oder Ihnen die Freigabe erst kurz vor knapp erteilen will, damit Sie keine Zeit mehr haben, sich zu beschweren. Kündigen Sie freundlich per E-Mail an, dass Sie das Interview veröffentlichen, sollte der Interviewpartner sich nicht fristgerecht zurückmelden.

Der Politiker Henry Kissinger sagte:

“Wenn ich Interviews gebe, möchte ich wenigstens wissen, was man mir nachher in den Mund legt.“ Mundgerecht nach PR-Kriterien müssen Interviewer ihren Gesprächspartnern den Happen aber nicht servieren.

 

Autor: Mario Müller-Dofel, Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.