Der Giovanni di Lorenzo-Interviewcode. Teil 3 „Leben“

Interviews führen mit di Lorenzo

Lebendige Interviews führen via Storytelling

In diesem Teil der Entschlüsselung des Giovanni-di-Lorenzo-Interviewcodes erfahren Sie, wie der ZEIT-Chefredakteur echtes Leben in seine Gesprächstexte bringt. Damit bietet er Lesern jede Menge Identifikationspotenzial, was die Leser fesselt. Und das Beste daran: Wenn auch Sie Interviews führen, können Sie das ebenso schaffen.

Von Mario Müller-Dofel*, im August 2017

In dieser Artikelserie entschlüsseln wir den Erfolgsstil von Giovanni di Lorenzo, einem der profiliertesten Interviewer in Deutschland. Nach den Teilen „Einführung“ und „Haltung“ heißt der dritte Teil nun „Leben“. Untersuchungsobjekt ist di Lorenzos Interviewbuch „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen. Die besten Gespräche aus 30 Jahren“.

Interviews führen mit di Lorenzo - Müller-Dofel
Gesprächsbuch: Tiefe Einblicke in das Leben prominenter Menschen (Foto: Mario Müller-Dofel)

Bevor ich die ersten Gespräche zu lesen begann, wusste ich nicht, was mich erwartete. Würde ich sie spannend finden? Wenn nicht, könnte ich dann überhaupt Spannungsmuster erkennen? Wenn ja, welche Qualitätsdetails machten seine Interviews aus? Also las ich, unter der Urlaubssonne liegend, drauflos und merkte schnell: Da geht etwas.

Das Drama um die kranke Monica Lierhaus

Und jetzt ein schneller Vorlauf auf Seite 133 des Buches: Gerade hatte ich di Lorenzos sechstes Interview mit der früheren Sportschau-Moderatorin Monica Lierhaus gelesen, die zwei Jahre vor dem Interview an den Folgen eines Hirn-Aneurysmas beinahe gestorben wäre. Wobei … Lierhaus‘ mit am Interview beteiligter Lebensgefährte Rolf Hellgardt redete mehr. Die beiden antworteten als Schicksalsgemeinschaft, die gegen Krankheit, Verunglimpfung und Resignation kämpfte. Was dieser Text bei mir auslöste, zeigt, was herausragende Interviews leisten können.

Superinterviews verändern den Tag

Nach dem Lierhaus-Hellgardt-Drama brauchte ich erstmal ein Bier. Traurig und voller Interviewbilder vor dem geistigen Auge erzählte ich meiner Frau davon. Dabei zitierte ich folgende Hellgardt-Aussage:

„Im Alter von 40 Jahren, hat mir eine große Versicherung gesagt, trennt sich der gesunde Partner in 98,7 Prozent der Fälle innerhalb der ersten sechs Monate von seinem kranken Partner; fast 100 Prozent. Das heißt, in diesem Augenblick fängt es an zu rutschen: der Partner weg, die Familie im tiefen Tal, alte oder ältere Eltern, die damit nicht umgehen können, die das gar nicht aushalten können. Das Besondere bei uns war die Stärke der Familie …“

Hellgardt und Lierhaus hatten die Sechsmonatsschwelle schon anderthalb Jahre hinter sich. „Die Stärke der Familie“ sollte auch ihre gemeinsame Zukunft retten. Nichts gönnten wir ihnen mehr als das. Dann googelte ich, ob die beiden noch zusammenlebten. „Seit 2015 getrennt“, spuckte das Internet aus. Den Rest des Tages war ich bedient. Dass eines der di-Lorenzo-Interviews mich derart aufwühlen würde, hatte ich nicht erwartet.

Interviews führen mit di Lorenzo - Müller-Dofel
Prominente Namen: Ziehen das Publikum meist mehr an als andere (Foto: Mario Müller-Dofel)

Starke Interviews lassen uns lernen und fühlen

Liebe Leserinnen und Leser, diese Anekdote zeigt: Superinterviews

  • vermitteln konkrete Fakten,
  • entfachen Emotionen,
  • liefern Gesprächsstoff und
  • animieren zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema und/oder den besprochenen Personen.

Nach dem Lierhaus-Hellgardt-Interview, in dem es auch um den drohenden Tod ging, war klar: Der dritte Teil des di-Lorenzo-Interviewcodes muss „Leben“ heißen.

Die wichtigsten Zutaten für fesselnde Geschichten

Und wie bekommt ein Interviewer echtes Leben ins seine Interviewtexte? Via Storytelling! Dies heißt übersetzt: Geschichten erzählen. Giovanni di Lorenzo entlockt seinen Interviewpartnern immer so viele Stories wie möglich. Denn er weiß: Personalisierte Geschichten erobern in Lesergehirnen weit mehr Bereiche als abstrakte Infos. Dies wiederum macht Leser aufmerksamer, neugieriger, emotionaler.

Die wichtigsten Zutaten für gutes Stories sind

1. Widersacher (Antagonisten) der befragten Protagonisten

Ein Beispiel: Im ersten Buchinterview hat die holocaustgehärtete Renate Lasker-Harpprecht zum Beispiel diese Widersacher: Nazis, die antijüdischen Eltern ihrer einst besten Freundin, gefangene Russinnen im KZ Auschwitz, Bürokraten im Nachkriegsdeutschland, den einstigen WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer (Ex-NSDAP-Mitglied) sowie einen antisemitischen Restaurantbesucher in ihrer Wahlheimat Südfrankreich.

Eine einzige alte Frau und so viele Feinde! Storytechnisch gesehen ist dieses Interview eine David-gegen-Goliath-Geschichte. Dazu noch faktenreich, tiefgehend, hervorragend verschriftlicht – und deshalb im wahrsten Sinne des Wortes passagenweise zum Heulen.

2. Konfliktverursachende Probleme zwischen Protagonisten und Antagonisten

Ein Beispiel hierzu: Der neidentflohene Schauspieler Armin Mueller-Stahl erzählte im Interview, warum er Probleme damit hatte, dass prominente DDR-Wissenschaftler vor SED-Bonzen „auf die Knie fielen“, ihn DDR-Fernsehfunktionäre „niedermachen“ wollten, DDR-Regisseure vor allem „Arbeitertypen“ als Mimen wollten, ostdeutsche Schriftsteller „arrogant“ waren, „Ego-Pakete“ wie Manfred Krug herumliefen und Bundesrepublikaner aus seiner Sicht Neidhammel sind. Natürlich mündeten Mueller-Stahls Probleme in Konflikten.

3. Um Lösungen kämpfende Protagonisten (die mitunter scheitern)

Der lungenkrebskranke TV-Regisseur Helmut Dietl kämpfte im Interview mit Giovanni di Lorenzo mit den „traumatischen“ Erinnerungen an seinen an Krebs verstorbenen Vater, sehnte sich nach „sanfteren“ Alternativen zur Chemotherapie und fürchtete, körperlich zu verfallen. „Nun trifft das ausgerechnet einen, der sein Leben lang vor Krankheiten davongelaufen ist – wenn andere sie hatten“, sagte di Lorenzo. (Der Befragte ging nicht mal zu Beerdigungen ihm nahestehender Menschen, weil er das Unvermeidlichste im Leben unbedingt zu verdrängen versuchte.) Und Dietl, der übrigens seinen Lebenszeit-Zigarettenkonsum auf eine Million Glimmstängel schätzte, haderte – den eigenen Tod vor Augen – mit „schlechten Erfahrungen“ und „wachsender Skepsis sich selbst gegenüber und auch der Umwelt“.

Dietls Kampf roch schwer nach Krampf. Sogar das Gespräch mit di Lorenzo gehörte zu seiner Krebsbewältigungsstrategie.

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TV-Regisseur Helmut Dietl: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor dem Sterben.“ (Foto: Mario Müller-Dofel

Weitere wichtige Storytelling-Merkmale

Fesselnde Geschichten …

…. sind 4. unter anderem durch eine nachvollziehbare Struktur, einfache Satzbauten, wenige Fremdwörter, kurze Fakteneinordnungen und konkrete Beispiele auch für Themenlaien verständlich.

… bieten 5. Überraschungen durch Verhaltensänderungen der Protagonisten und/oder der Antagonisten, überraschende Zahlen etc.

… erklären 6. komplexe Zusammenhänge an Situationen, die das Publikum aus dem eigenen Umfeld kennt und damit für die Leser vergleichbar sind.

All diese Story-Zutaten hat der Interviewer in fünf der ersten sechs Buchinterviews verwendet. Und was heißt das für Sie, wenn Sie Interviews führen wollen wie Giovanni di Lorenzo?

Machen Sie es wie di Lorenzo!

Wenn Sie die Chance haben, längere personalisierte Sachinterviews zu führen, denken Sie vor allem hieran:

Promi-Protagonist: Als Interviewer einer Zeitung, die ein breites Publikum bedient, interviewt di Lorenzo vor allem Menschen, die ein breites Publikum kennt. Allein die Namen der Befragten gewährleisten eine relativ hohe Leseraufmerksamkeit.

Überlegen auch Sie zuerst, für welche Menschen sich Ihre Zielgruppe besonders interessiert. Interviewpartner, die Ihrem Publikum unbekannt sind, sollten umso interessantere Geschichten in petto haben, weil sie sich zum Beispiel in Ausnahmesituationen befinden.

Große Themen in kleinen Leben: Di Lorenzo gelingt es, große gesellschaftliche Zusammenhänge über Geschichten aus dem Mikrokosmos der Befragten zu erklären (bzw. erklären zu lassen). In den ersten Buchinterviews sind die Makrothemen etwa der Nationalsozialismus und das Leben danach (Renate Lasker-Harpprecht), Krankheit und nahender Tod (Helmut Dietl), Promi-Absturz in der Mediengesellschaft (Karl-Theodor zu Guttenberg), Selbstbestimmung und Privatsphäre (Monica Lierhaus, Rolf Hellgardt).

Interviews führen wie di Lorenzo heißt für Sie auch: Ihre Protagonisten sollten das von Ihnen avisierte Makrothema im eigenen Alltag erleben. Erfragen Sie unbedingt konkrete Anekdoten, Beispiele, Zahlen und Gefühle dazu!

Promi-Antagonist: Di Lorenzos prominente Interviewpartner haben meist einen oder mehrere Widersacher, die ebenfalls prominent sind. So wirkt der Promi-Effekt mindestens doppelt.

Suchen auch Sie gewichtige Widersacher bzw. Problemverursacher Ihrer Befragten, mit denen Sie die Interviewten konfrontieren.

Konfliktfragen: Di Lorenzo scheint immer top vorbereitet zu sein; dabei hilft ihm sein breites Allgemein- und Detailwissen, aber ganz sicher auch jede Menge reflektierte Lebenserfahrung. Er kennt Konflikte der Interviewten mit ihren Widersachern, kann sie in größere Zusammenhänge einordnen, offenbart den Interviewten sein Wissen, nennt in seinen Fragen Ross und Reiter und „klingt“ dabei immer emphatisch.

Wenn Sie das auch versuchen möchten, achten Sie auf eine weiche Stimmlage und eine eher harmlose Wortwahl. Die Interviewten dürfen nie das Gefühl bekommen, dass Sie als Frager in einem Konflikt mitmischen möchten, dass Sie sich mit einem Widersacher „verbünden“, um sich mit ihm gegen den Befragten zu positionieren.

Ohne konkrete Widersacher kann es zäh werden

Der bisher einzige Ausreißer nach unten auf meiner Begeisterungsskala war nach 133 gelesenen Buchseiten di Lorenzos Gespräch mit dem pastoralen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Ich fand’s langatmig. Hauptursache: Hier fehlten Konflikte mit Widersachern. Stattdessen drehten sich Gaucks Antworten vor allem sehr eng um ihn selbst, insbesondere um seine Amtsphilosophie und seine Meinungen zu (abstrakten) Institutionen wie Parteien, Medien etc. Nirgendwo ein spannender, greifbarer Gegenpol.

Aber was soll’s. Dass di Lorenzo starke Geschichten erfragen kann, haben die anderen Interviews aus meiner Sicht eindrücklich bewiesen.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.

Hier finden Sie die bisherigen Teile der Blog-Serie „Der Di Lorenzo-Interviewcode“

Teil 1: „Einführung“
Teil 2: „Haltung“