Interviewformen: Gut zu wissen, bevor man fragt

Warum Interviews keineswegs nur sachlich sein müssen

Manchen, vor allem jungen Journalisten sind die Unterschiede zwischen den Interviewformen nicht klar. Hier eine Übersicht, die auch nach sachlicher und emotionaler Kommunikation der wichtigsten Interviewformen unterscheidet. Denn ehe Interviewer sich ihre Interviewziele klarmachen, sollte ihnen klar sein, welche Interviewart zum Thema und Gesprächspartner passt.  

Von Mario Müller-Dofel

Der Begriff »Interview« entstammt dem französischen Verb »entrevoir«, das »jemanden begegnen«, »jemanden kurz sehen« bedeutet. Dabei begegnen sich meist Menschen, die ohne ihre Interviewabsicht kaum zusammenkämen. Für Journalisten sind Interviews ein wichtiges Mittel zur Infomationsbeschaffung und eine massenhaft verwendete Form der Berichterstattung. Im Folgenden werden die vier wichtigsten Interviewformen bei journalistischen Interviews beschrieben:

  • das Sachinterview,
  • das Meinungsinterview,
  • das personalisierte Interview und das
  • personalisierte Sachinterview.

Definition

Es gibt viele Definitionen für das journalistische Interview. Walther von La Roche, Mitherausgeber der SpringerVS-Reihe „Journalistische Praxis“, nennt es ein „Gespräch, das sich bei der Veröffentlichung noch vom Leser, Hörer und Zuschauer als solches erkennen lässt“. Das ist bei Frage-Antwort-Runden, die der Journalist nur zu Recherchezwecken, also ohne publizistische Absicht führt, nicht der Fall. Deshalb sind Recherchegespräche im strengen journalistischen Sinne keine Interviews. Allerdings erweisen sie sich manchmal als derart interessant, dass Journalisten später doch daraus zitieren.

Aus kommunikationsstrategischer Sicht gelten für Rechercheinterviews dieselben Erfolgsregeln wie für „richtige“ Interviews. Deshalb sei an dieser Stelle eine sehr allgemeine Interview-Definition des Journalisten und Buchautors Donald Ferguson bevorzugt: »Ein Interview ist, wenn ein Reporter Fragen stellt.“

Interviewformen - Interviewarten
Auf geht’s zum Interview. Und welcher Art? (Foto: efired/Fotolia.com)

Fragenzentrierung

Die Interviewfragen sollten sich immer am Publikumsinteresse ausrichten. Denn das journalistische Interview richtet sich an Dritte: an die Medienkonsumenten, als deren Stellvertreter der Journa­list seine Gesprächspartner befragen soll. Das ist der Hauptun­terschied zu nicht-journalistischen Interviews wie Polizeiverhö­ren, Therapie- und Alltagsgesprächen, deren Inhalte eben nicht für Außenstehende bestimmt sind. Zu den Interviewformen:

Das Sachinterview

… dient der Faktenklärung. Beispiels­weise mit dem Augenzeugen: „Wann genau wurde der Notruf ausgelöst?“ Mit dem Schauspieler: „Wie lange dauern die Dreharbeiten für Ihren neuen Film noch?“ Oder mit dem Unternehmenschef „Welche Umsatz- und Gewinnziele haben Sie sich fürs kommende Geschäftsjahr gesetzt?“

Oft werden bei dieser Interviewform dem Publikum unbekannte Sachverständige wie Polizisten, Rechtsanwälte und Wissen­schaftler präsentiert, die kompetent, prägnant und verständlich erklären können. Dafür begegnen sich der Informant und der Journalist aus­schließlich auf der sachlichen Kommunikationsebene und bleiben dabei meist relativ oberflächlich. Ihre Meinungen und Charak­tere sind irrelevant. Und die emotionale Beziehung ist zweitran­gig. Der Interviewer kann deutlich weniger über die Gesprächsthemen wissen als sein Informant. All dies macht das Sachinterview für den Journalisten vergleichsweise einfach.

Beim Meinungsinterview …

… fragt der Journalist danach, wie der Interviewpartner einen Sachverhalt oder eine andere Meinung beurteilt. Beispielsweise den Unfallgutachter: „Wie hätte der Unfallverursacher das Un­glück verhindern können?“ Einen Filmkritiker: „Was zeichnet den Film Ihrer Ansicht nach aus?“ Oder einen Gewerkschafter: „Warum halten Sie fünf Prozent Lohnsteigerung für berechtigt?“

In Meinungsinterviews werden meist Menschen befragt, die direkt oder indirekt mit den Fragethemen zu tun haben. Dabei kommunizieren der Journalist und sein Informant wie beim Sachinterview vorrangig auf der sachlichen Kommunikations­ebene miteinander. Die Charaktere und die emotionale Bezie­hung der beiden sind zweitrangig. Auch das Meinungsin­terview ist wegen seines vorrangigen Sachthemenbezuges für den Journalisten relativ unkompliziert, obwohl keineswegs nur sachliche Fakten, sondern aufgrund der Meinungszentrierung häufig emotionale Äußerungen veröffentlicht werden.

Im personalisierten Interview …

… steht der Befragte mit seinen Eigenheiten, Emotionen, Gewohnheiten, Interessen und Mei­nungen im Fokus: „Sie waren Zeuge des Unglücks. Wel­che Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als es geschah?“ Oder: „Sie drehen zurzeit einen Film, in dem Sie einen Ehebrecher spielen. Warum glauben Sie auf diese Rolle zu passen?“ Oder: „Ihre Firma ist hochprofitabel. Dennoch entlassen Sie hun­derte Mitarbeiter. Finden Sie das sozial?“

In personalisierten Interviews kommen oft Künstler, Prominente, Opfer, Zeitzeugen und Personen zu Wort, die durch ein be­stimmtes Ereignis plötzlich ins öffentliche Interesse geraten sind. Dabei begegnen sich der Journalist und sein Informant vor al­lem auf der emotionalen Kommunikationsebene. Der Intervie­wer kennt die Fakten und erfragt persönliche Ansichten dazu. Mitunter konfrontiert er seinen Informanten mit dem eigenen oder dem Redaktionsstandpunkt, wenn er hofft, dadurch des­sen Denkweise, menschliche Stärken und Schwächen sowie Widersprüche besser skizzieren zu können. Um die heikle emo­tionale Beziehung dennoch positiv gestalten zu können, muss der Journalist auf die Persönlichkeit des Befragten vorbereitet sein und ihn „zu nehmen“ wissen. Beim personalisierten Interview muss der Interviewer viel strate­gischer kommunizieren als beim Sach- und beim Meinungsinter­view. Das macht das personalisierte Interview schon viel diffiziler.

 Das personalisierte Sachinterview

… ist eine Mischform der drei vorgenannten Interviewarten. Hier fragt der Journalist nach Fakten und Meinungen: „Wie viele Menschen werden Sie entlassen?“ … „Ist das sozial?“ … „Glauben Sie, dass Ihre Mitarbeiter das auch so sehen?“ Diese Interviewart wird meist für längere Interviews mit Mana­gern, Politikern, Philosophen, Zeitzeugen und anderen Personen von öffentlichem Interesse genutzt. Hier gelten alle Merkmale des Sach-, des Meinungs- und des personalisierten Interviews. Personalisierte Sachinterviews bieten dem Publikum, wenn sie bestmöglich gelungen sind, in der Regel den höchsten Informa­tions- und Unterhaltungswert. Sie fordern vom Interviewer aber auch überdurchschnittlich viel Vorbereitungsaufwand, Einfüh­lungsvermögen und Eloquenz.

Das bestmögliche Interview

… lässt sich pauschal nicht de­finieren. Zu unterschiedlich sind die Umstände, unter de­nen Journalisten ihren Gesprächspartnern begegnen und zu verschieden deren Eigenarten. Dennoch ein Definitions­versuch, um Orientierung zu bieten:

Bestmöglich ist dem Journalisten ein Interview vor allem dann gelungen, wenn er nach der Veröffentlichung ehrlich der Meinung ist, dass er alle journalistischen und kommu­nikativen Möglichkeiten genutzt hat, um das Maximale aus sich und seinem Informanten herauszuholen. Aus Sicht des Publikums ist ein gutes Interview informativ, verständ­lich, unterhaltsam und (bei personalisierten Gesprächen) emotional. Es präsentiert den Lesern, Hörern und Zuschauern nicht nur, was der Interviewte antwortet, sondern auch wie er sich dabei verhält, ob er zum Beispiel ausweicht, sich windet. Der Interviewte soll klare Fakten und Meinungen äußern, darf aber auch Phrasen dreschen, wenn sie zu den Interviewzielen des Interviewers passen und auffallen. Zudem zeigt das bestmögliche Inter­view den Journalisten vor allem mit seiner Persönlichkeit auf Augenhöhe mit seinem Infor­manten.

Junge Journalisten aufgepasst: Augenhöhe hat nichts mit dem Alter, sondern mit Akzeptanz beim Gesprächspartner zu tun. Die können sich junge Journalisten durch eine vorausschauende, professionelle Kommunikation erarbeiten.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“. (Der unten stehende Text ist weitgehend dem Buch „Interviews führen. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis“ der SpringerVS-Reihe „Journalistische Praxis“ entnommen. Das Buch ist Ende 2016 in der 2. Auflage erschienen.)