Spontane Interviews führen? 8 wichtige Tipps für lohnende O-Töne

Spontane Statements erfragen? Übung und guter Stil machen den Meister

Spontane Interviews führen: Menschen bei Spontaninterviews auf der Straße oder bei Veranstaltungen zum Sprechen zu bringen, ist nicht immer einfach. Aber wenn Ihr die hier stehenden Tipps beachtet, werde Ihr einen guten Job machen. Also los geht’s! Erst lesen und dann raus ins Getümmel 🙂

Von David Korsten*

Spontane Interviews führen
David Korsten: Journalist und erfahrener Spontaninterviewer (Foto: Privat)

Nahezu jede journalistische Darstellungsform lebt von O-Tönen (Originaltönen). Sie machen Reportagen lebendig, in Portraits bringen sie uns Personen näher, auch in Berichten und Features sind sie essenziell. Häufig nehmen Journalisten den Telefonhörer in die Hand und sprechen mit Experten, Behörden, Pressesprechern. Solche Zitate sind vergleichsweise einfach zu bekommen.

Anders sieht es aus, wenn man herausfinden möchte, was Menschen auf der Straße zu einem Thema denken oder wie Besucher eine Veranstaltung finden. Dann führt kein Weg am Spontaninterview vorbei – und die können sich lohnen. Redaktionen lieben gute, vielschichtige O-Töne. Folgende Tipps können Euch helfen, Menschen effizient und spontan zum Sprechen zu bringen. Klickt auf die Pluszeichen, um die Interviewtipps aufzuklappen.

Tipp 1: Vorbereitung

Auch Spontaneität braucht Vorbereitung. Wie bei jedem Interview sollten Interviewer, ob Journalisten oder Blogger, im Vorfeld wissen, was sie eigentlich herausfinden möchten. Was ist das Thema? Bei einer Kinopremiere ist das vergleichsweise einfach. Da wollt Ihr vermutlich einfach hören, wie Frau Meier und Herr Müller den Film fanden. Schwieriger wird es bei komplexeren Themen: Welche Probleme gibt es bei Euch im Stadtteil? Was hat sich in puncto Verkehrslärm verändert?

Bevor Ihr losmarschiert, solltet Ihr eine gewisse Vorstellung davon haben, welche Dimensionen eines Themas Ihr abfragen könnt.

Auch wenn dieser Appell banal klingt: Checkt Euer Handwerkszeug. Funktionieren die Stifte? Habt Ihr Euren Notizblock dabei, sind genügend Seiten frei? Ich finde Reporterblöcke am praktischsten, das wichtigste ist aber, dass Ihr überhaupt etwas zum Notieren dabeihabt. Falls Ihr Fotos macht: Hat die Kamera noch Akku, ist genügend Speicherplatz frei? Funktionieren Mikro und Aufnahmegeräte? Auch die technische Seite gehört zur Vorbereitung. Nicht vernachlässigen! Das kann unangenehm werden.

Tipp 2: Offene Grundhaltung

Aller inhaltlichen Vorbereitung zum Trotz: Legt nicht im Vorfeld fest, was Ihr hören möchtet (das gilt auch für Redaktionen). Begegnet Euren Gesprächspartnern stattdessen mit Offenheit. Gebt ihnen Raum zum Reden. Zugegeben: Insbesondere unter hohem Zeitdruck ist das schwierig. Aber bleibt redlich und ehrlich zu Euch selbst. Original-Töne erhaltet Ihr nicht, indem Ihr Euren Gesprächspartnern die Antworten suggeriert, die am besten zu Euren Texten passen.

Zur offenen Grundhaltung gehört für mich auch: Stellt Eure Interviewfragen so, dass die angesprochene Person das Gefühl hat, auch „nein“ sagen zu können. Akzeptieren das (s. auch Tipp 7).

Tipp 3: Vertrauen schaffen

Bei Spontaninterviews auf der Straße oder bei Veranstaltungen lässt sich nicht viel kontrollieren. Schließlich wisst Ihr nicht, wen Ihr an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit antreffen werden. Diese fehlende Kontrolle dürfte ein Grund dafür sein, dass manch Journalist oder Blogger das Spontaninterview eher unangenehm oder lästig findet. Vielleicht freut Ihr Euch aber auch darauf, etwas zu erfahren, was Ihr vorher noch nicht wusstet?

Meiner Erfahrung nach reagieren die meisten Menschen zunächst überrascht, wenn ein Interviewer sie spontan anspricht. Lasst Euch davon nicht verunsichern. Im Gegenteil: Stellt Vertrauen her, indem Ihr klar und freundlich sprecht (siehe auch Tipp 5). Auch in Zeiten von „Lügenpresse“ erlebe ich als Journalist bei Interviews auf der Straße oder bei Veranstaltungen keine generelle Ablehnung. Viele Menschen freuen sich sogar im Laufe des Gesprächs darüber, dass ihnen einmal jemand Gelegenheit gibt, sich zu äußern.

Tipp 4: Hemmungen überwinden

Auch wenn es dem Klischeebild des extrovertierten, immer neugierigen Journalisten oder Blogger widersprechen mag: Es kann durchaus sein, dass Ihr vor einem Spontaninterview nervös, angespannt und gehemmt seid. Auch ich gehöre zu den Menschen, die eher das Gefühl haben, sie „nerven“. Mir helfen dabei neben der inhaltlich-technischen Vorbereitungen und der offenen Grundhaltung folgende Gedanken: Ich mache meinen Job. So wie andere Pakete ausliefern oder Operationen durchführen, gehe ich auf die Straße und spreche mit Menschen. Nehmt auch Ihr das Ernst. Ihr dürft das.

Und merkt Euch:

  • Wenn Ihr die Sorge habt, andere zu nerven: Nervt sie nicht. Dabei hilft Euch Tipp 7. Meist sind spontan angesprochene Menschen einfach nur verunsichert oder überrascht (s. Tipp 3). Helft ihnen, diesen Moment zu überwinden, indem Ihr klar und freundlich auftretet (s. auch Tipp 6) – und helft Euch damit auch selbst.
  • Lächeln. Auch das gehört zum freundlichen Auftreten. Und entspannt Euren ganzen Körper.
  • Übt. Je öfter Ihr fremde Menschen spontan ansprecht, desto leichter wird es Euch fallen. Das heißt nicht, dass Eure Nervosität für immer verschwindet. Das muss sie auch nicht. Bleibt professionell – das geht auch, wenn Ihr etwas nervös seid.

Tipp 5: Wen soll ich ansprechen?

Natürlich hängt es auch vom Thema ab, ob Ihr eher Frauen oder Männer befragt. Spielt das Geschlecht keine Rolle, hilft Euch vielleicht folgende Faustregel: Männer und Frauen, Jung und Alt. Ihr werdet zwar keine repräsentative Stichprobe zusammenbekommen, doch versucht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken.

Achtet bei der Auswahl Eurer Interviewpartner auf die Situation und die Körpersprache: Eine junge Frau mit zwei Kindern an der einen und drei Einkaufstaschen in der anderen Hand wird eher keine Lust haben, Euch spontan Rede und Antwort zu stehen. Wer den Blick senkt, an Euch vorbeirast und so tut, als hätte er Euch nicht gesehen, ist wahrscheinlich auch nicht die Person, die Ihr für ein paar Minuten zum Sprechen bringt. Bleibt sensibel für Eure Umgebung.

Mir scheint, dass es hilfreich ist, sich als Journalist zu erkennen zu geben: Mit einem Mikro oder einer Kamera ist die Sache klar, aber auch der gezückte Stift und Eurer Notizblock können Euren potenziellen Gesprächspartnern signalisieren, wer Ihr seid und warum Ihr sie ansprecht.

Tipp 6: Klar und freundlich auftreten

Ihr seid vorbereitet, offen für die Antworten, die da kommen mögen, die Person in der roten Lederjacke dort drüben könnte einen Versuch wert sein. Wie bahnt Ihr das Gespräch an? Gute Erfahrungen habe ich mit folgender, einfacher Eröffnung gemacht: „Guten Tag, darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ Häufig kommt dann die Gegenfrage, worum es denn geht. Darauf solltet Ihr vorbereitet sein. Stellt Euch namentlich vor und sagt, für wen Ihr schreibt und worum es geht. Also etwa: „Mein Name ist David Korsten, ich bin Journalist und recherchiere für die Tageszeitung X/das Magazin Y zum Thema Z.“ Knapp, klar, präzise.

Dann können Sie mit der ersten Frage starten. Auch hier solltet Ihr Euch ein, zwei Alternativen im Vorfeld überlegen, etwa: „Haben Sie von der Maßnahme XY gehört? Was halten Sie davon?“ oder „Was denken Sie über Z?“

Tipp 7: "Nein" akzeptieren

Wichtig finde ich auch: Akzeptiert ein „Nein“. Niemand ist verpflichtet, mit der Presse oder Bloggern zu sprechen. Die Menschen auf der Straße sind nicht einzig und allein dazu da, Euch passende O-Töne zu liefern. Mit anderen Worten: Ihr habt keinen Anspruch darauf, dass jemand seinen Stadtbummel unterbricht und sich von Euch befragen lässt. Im Fall einer Ablehnung bleit daher einfach freundlich und sagt etwas wie: „Schade, einen schönen Tag noch.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit …

Dazu gehört auch, dass niemand verpflichtet ist, Euch seinen Namen und sein Alter zu verraten. Wenn Ihr klar und freundlich auftretet und eine Vertrauensebene geschaffen habt, ist das in der Regel kein Problem. Aber auch hier müsst Ihr ein „Nein“ akzeptieren. Es ist zwar nicht optimal, aber im Text könnt Ihr notfalls immer noch Umschreibungen wie „ein Anwohner“, „eine Dame mittleren Alters“ etc. finden. Im Zweifel finde ich den treffenden O-Ton wichtiger als die genaue Altersangabe. Nur: Authentisch muss er sein. Biegt ihn Euch nicht einfach zurecht.

Übrigens, auch das kommt tatsächlich vor: Wenn zu einem bestimmten Thema niemand namentlich genannt werden möchte, kann das ein wichtiger inhaltlicher Hinweis für Euch sein. Was an dem Thema ist heikel? Gibt es hier Konflikte, die ich noch nicht auf dem Schirm hatte? Achtet auch auf solche Dinge, sie können Eure Geschichte voranbringen.

Tipp 8: Ansprechbar bleiben

Ihr habt Euch mit Euren Interviewpartnern unterhalten, ihnen Fragen gestellt und auch brauchbare O-Töne bekommen. Sagt den Gesprächspartnern zum Abschluss von Euch aus, wann der Artikel vermutlich erscheint und wo die Befragten ihn lesen können (in der Zeitung, online etc.).

Manche Menschen werden auch nach Euren Kontaktdaten fragen. Man kann sicher darüber diskutieren, aber ich bin der Meinung, dass Ihr grundsätzlich Eure Visitenkarte hergeben oder zumindest Eure E-Mail-Adresse hinterlassen solltet. Das sorgt für Vertrauen – Ihr schafft damit Transparenz und gebt Euren Gesprächspartnern gleichzeitig die Möglichkeit, sich an Euch zu wenden. Die Sorge, dass Ihr im Nachhinein mit E-Mails oder Anrufen bombardiert werdet, ist in aller Regel unbegründet – ich zumindest habe das nach vielen Spontaninterviews noch nicht erlebt. Und mit inhaltlicher Kritik müsst Ihr Euch, sollte Ihr damit konfrontiert sein, konstruktiv auseinandersetzen.

* David Korsten ist freier Journalist aus Köln. Der studierte Historiker arbeitet für verschiedene Print- und Onlinemedien. Gemeinsam mit Alles-über-Interviews-Mitinitiator Tim Farin entwickelt er das journalistische Magazin Follow Up.