Wie gut sind Wie-Fragen?

Wie-Fragen Timo Horn Interview

Oder: So heikel sind Wie-Fragen!

Ob in Radio, TV oder Print: „Wie-plus-Adjektiv“-Fragen haben Hochkonjunktur. Wie Journalisten mit Wie-Fragen sogar absolute Adjektive noch zu steigern versuchen und warum der freie Journalist David Korsten von dieser Frageform abrät, erklärt er hier. 

Von David Korsten*

Wie-Fragen Timo Horn Interview
Wenn Profisportler in Mikros reden, müssen sie häufig auf Wie-Fragen antworten. (Foto: marcoverch on Visual hunt)

„Wie enttäuscht sind Sie?“, fragt der Sportreporter den um Atem ringenden Fußballprofi nach der Niederlage. Den Trainer fragt er nach dem Sieg: „Wie zufrieden sind Sie mit der Leistung Ihrer Mannschaft?“ Bei Fußballweltmeisterschaften fallen nicht nur Tore, sondern massenhaft und live im TV auch Wie-Fragen wie diese hier: „Wie neutral sind Sie?“

Keine Angst vor einsilbigen Antworten

Klar: Die Frage nach dem „Wie“ gehört zum journalistischen Frage-Repertoire. Schließlich wollen Journalisten schildern, wie, also auf welche Weise, sich etwas abgespielt hat. Gemeint sind hier Wie-Fragen in Verbindung mit einem Adjektiv. Sie haben Hochkonjunktur, nicht nur im Sport, auch in Überschriften, gedruckten Interviews und live im Radio.

Wie-Fragen für mehr Differenzierung?

Sie sollen vermutlich – aus Furcht vor einsilbigen Antworten? – Ja-Nein-Fragen vermeiden. Die Wie-plus-Adjektiv-Frage bietet hier vermeintlich mehr Differenzierung. Aber halten die Antworten, was die Frageform bei Wie-Fragen verspricht? Sind „sehr enttäuscht“, „ein bisschen“, „drei auf einer Skala von null bis zehn“ wirklich gute Antworten? Die Qualität der Antwort auf  ist auch ein Kriterium, an dem sich die Qualität einer Frage bemisst. Schließlich geht es bei Interviews doch darum, möglichst gute, interessante Statements zu erhalten.

Abwarten bringt häufig mehr als Wie-Fragen

Etwas besser wäre die Frage „Sind Sie jetzt enttäuscht?“. Sollte der Interviewte auf die Frage tatsächlich einsilbig mit „ja“ oder „nein“ antworten – trauen Sie als Interviewer/in sich ruhig einmal, zwei Sekunden abzuwarten, ob der oder die Befragte dabei bleibt. In der Regel wird Ihr Gesprächspartner die kurze Pause von selbst mit weiteren Wörtern füllen. Und wenn nicht, werden Sie Ihre nächste Frage immer noch rechtzeitig los.

Echte Fragen für echte Antworten

Aber warum nicht einfach mal offen fragen statt der Wie-Fragen: „Wie fühlen Sie sich nach dem Gegentor in letzter Minute?“ Oder provokant an den Fußballtrainer: „Jetzt nach dem Ausscheiden aus dem Turnier wird es eng für Sie. Oder?“ Wer echte Fragen stellt, erhöht die Chance, eine echte Antwort zu bekommen.

Neutral fragen plus nachhaken statt nur suggerieren

„Wie plus Adjektiv“-Fragen bieten demgegenüber kaum Mehrwert und sind in aller Regel suggestiv. Nochmal die gefühlt schon tausend Mal gehörte Frage: „Wie enttäuscht sind Sie …?“ Weiß der Fragesteller wirklich, dass zum Beispiel der Politiker nach dem misslungenen Kompromiss enttäuscht oder frustriert ist? Vielleicht ist ihm das Ergebnis egal, oder er ist darüber verärgert, hocherfreut usf. Besser wäre hier zum Beispiel die neutrale Frage: „Was halten Sie vom Ergebnis des Treffens?“ Um dann gezielt nach Details zu fragen.

Kaum mehr als mediales Geraune

Dass die Kombination „Wie plus Adjektiv“ häufig suggestiv ist, zeigen auch Fragen wie diese: „Wie gefährlich sind Flüchtlinge?“ Unabhängig davon, ob die Antwort „gar nicht“, „nicht mehr als Einheimische“ oder „sehr“ lautet – die Frageformulierung suggeriert, dass Flüchtlinge gefährlich seien. Und das trägt, bewusst oder unbewusst, vor allem zu einem bei: zu medialem Geraune, das auf Affekte und Ängste abzielt statt auf die Vernunft.

Sogar “absolute“ Adjektive sollen gesteigert werden

2015 fragte ein Wirtschaftsmagazin : „Wie allein ist Angela Merkel?“ Und gab selbst die Antwort: „Sehr allein.“ In diesem Fall mag das ja als Stilmittel durchgehen. Geschmackssache. Aber: Manche Adjektive erlauben keine Differenzierung, sogenannte „absolute” Adjektive. Sie erkennt man daran, dass sie sich nicht steigern lassen: tot, lebendig, extrem, schwanger, kinderlos usf. Achten Sie einmal darauf bei Ihrer Lektüre.

Verzichten Sie!

Verzichten Sie als Journalist oder Blogger möglichst ganz auf diese Art Fragen. Sie sind häufig suggestiv, bringen wenig Erkenntnis oder provozieren nichtssagende Antworten. Fast immer gibt es zu Wie-plus-Adjektiv-Fragen eine bessere Alternative.

Schreiben Sie uns doch einmal, wie Sie dazu stehen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht – und welche mit anderen Frageformen? Wir sind gespannt auf Ihre Antworten!

Übrigens: Die Wie-plus-Adjektiv-Frage hat ein Äquivalent, die So-plus-Adjektiv-Überschrift: „So heikel sind Wie-Fragen …”

* David Korsten ist freier Journalist aus Köln. Der studierte Historiker arbeitet für verschiedene Print- und Onlinemedien.