Interviews lernen, Folge 5: Prof. Dr. Armin Scholl ueber die AUTORISIERUNG von Interviews

„Das ist ein Problem der professionellen Blindheit.“

Interviews lernen: Armin Scholl, Kommunikationswissenschaftler und Journalismusforscher, spricht im letzten Teil unserer Podcast-Serie mit ihm über die bei vielen Journalisten ungeliebte Autorisierungspraxis. Konkret: über Konflikte im Autorisierungsverlauf – und wie sie vermeidbar sind. (Der Player ist unter dem Foto.)

Im Oktober 2018 (und zeitlos aktuell)

Der Journalismusforscher Prof. Dr. Armin Scholl von der Westfälischen Wilhelms Universität Münster hat „Alles über Interviews“ fünf Podcast-Interviews über journalistische Interviews gegeben. Hier sind in aller Kürze die Folgen 1 bis 4 und ihre Themen.

Folge 1: zum journalistischen Anspruch der Objektivität
Folge 2: zum journalistischen Anspruch der Wahrheitsfindung
Folge 3: zum journalistischen Anspruch der Fairness gegenüber Interviewpartnern
Folge 4: über Missverständnisse in Interviews und wie sie sich vermeiden lassen

Befragt wird Armin Scholl von Mario Müller-Dofel, Co-Initiator von alles-ueber-interviews.de. Die Gespräche sind zeitlos aktuell und sollen Hörerinnen und Hörer zur Reflexion ihrer eigenen Interviewpraxis anregen.

Interviews lernen, Folge 5: Über die Autorisierungspraxis

Interviews lernen - Armin Scholl
Armin Scholl beschäftigt als Journalismusforscher unter anderem mit politischen Interviews. (Foto: Susanne Lüdeling)

In Folge 5 spricht Prof. Dr. Scholl über die Verantwortung von Journalisten und ihrer Gesprächspartner im Autorisierungsprozess. So empfiehlt er Politikern, sich in Interviews allgemeinverständlich statt technokratisch auszudrücken. Dann bräuchten Journalisten in der Interviewverschriftlichung weniger Aussagen ins Allgemeinverständliche ändern und weniger Gesagtes kürzen. Beides führt immer wieder zu Konflikten, weil Interviewte sich nach Neuformulierungen und Kürzungen durch Journalisten missinterpretiert fühlen.

Journalisten empfiehlt Scholl, dass sie Interviewpartnern vor den Gesprächen klarmachen, welche Textlänge das Interview letztlich ungefähr haben soll und nach welchen qualitativen Kriterien sie Interviews verschriftlichen.

„Manchmal ein naives Verständnis von Objektivität“

Auf die Feststellung von Müller-Dofel, dass Journalisten kaum wahrnehmen würden, dass sie die Ersten sind, die ein Interview verändern – nämlich wenn sie es verschriftlichen –, sagt Prof. Dr. Armin Scholl: „Definitiv ist die Interviewverschriftlichung eine erste Änderung des Gesagten. Und die ist manchmal durchaus drastisch.“

Dass Journalisten dies häufig nicht einbeziehen, sondern nur Veränderungen des Gesagten durch die Befragten im Autorisierungsprozess kritisieren, bezeichnet Scholl als „Problem professioneller Blindheit“. Journalisten hätten mitunter ein naives Verständnis von Objektivität, die philosophisch sehr umstritten sei. (Hört dazu Folge 1 mit Prof. Scholl). Viele Journalisten gingen davon aus, dass ihre Interviewtext-Variante ein repräsentatives Abbild des Originalgesprächs sei. Dabei könnten auch kleine Änderungen große Konsequenzen haben.

Ebenso kritisch sieht Prof. Dr. Armin Scholl Veränderungen durch Interviewte im Autorisierungsprozess, die bewirken, dass das ursprüngliche Gespräch nicht mehr erkennbar ist. „So etwas ist verheerend. Das ist Manipulation.“ Auf die Frage, ob er auf eine Autorisierung bestehen würde, sollten die Podcast-Gespräche für „Alles über Interviews“ mit ihm auch verschriftlicht werden, verneint er.

„Medialisierung“ politischer Aussagen und Entscheidungen?

Am Ende dieser Podcast-Folge spricht Prof. Dr. Armin Scholl noch die Machtfrage zwischen Journalisten und Politikern an. Die erste Forscher-These hierzu lautet, dass Politiker sich mit ihren Aussagen und Entscheidungen vor allem an der in journalistischen und sozialen Medien geäußerten Massenmeinungen richten, da sie sich möglichst wenig angreifbar machen wollen („Medialisierung“ der Politik).

Die Gegenthese ist, dass die Politik mit geschickten PR-Strategien die Medien und die Massenmeinung manipulieren, um der Öffentlichkeit wichtige Informationen verschweigen zu können. Momentan hätten die Vertreter der Medialisierung-These ein Übergewicht. „Eine ausgewogene Balance wäre besser“, sagt Scholl. Denn eine Disbalance gefährde die Demokratie.

“Interviews lernen” war die letzte Folge der Podcast-Serie mit dem Journalismusforscher Prof. Dr. Armin Scholl von der Universität Münster. Hört rein, hört zu, stellt seine Thesen Euren Auffassungen gegenüber – und werdet (noch) bessere Interviewer! Vielen Dank, dass Ihr die Podcast-Serie verfolgt habt. Und herzlichen Dank an Prof. Dr. Scholl für seine wertvollen Gedanken.

Im naechsten Alles-über-Interviews-Podcast spricht Mario Müller-Dofel mit Martin Scholz von der „Welt am Sonntag“. Der erfahrene Journalist interviewt vor allem weltbekannte Persönlichkeiten von Madonna über Colin Powell bis  Hakan Nesser. Abonniert den Alles-über-Interviews-Podcast einfach – und ihr bekommt neue Folgen automatisch mit.