Erfolgreiche Interviews führen, Folge 4: Prof. Dr. Armin Scholl über MISSVERSTÄNDNISSE. Podcast!

„Die Frage, wer Missverständnisse feststellt, ist auch eine Dominanzfrage.“

Erfolgreiche Interviews führen: In Folge 4 unserer 5-teiligen Podcast-Serie mit Journalismusforscher Prof. Dr. Armin Scholl geht es darum, wie Missverständnisse zwischen Fragern und Befragten in Interviews entstehen – und wie die Beteiligten am besten damit umgehen. (Der Player ist unter dem Foto.)

Im Juli 2018 (und zeitlos aktuell)

Prof. Dr. Armin Scholl ist Journalismusforscher und Kommunikationswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster. In den ersten drei Podcast-Folgen mit ihm ging es um journalistische Ansprüche bei der Interviewführung – und darum, wie man sie theoretisch verstehen und praktisch umsetzen kann. In der hier angeteaserten Folge 4 geht es um Missverständnisse als Teil von Kommunikationsproblemen in Interviews. Im demnächst  erscheinenden fünften und letzten Teil mit Prof. Scholl thematisieren wir die umstrittene Autorisierungspraxis bei Interviews.

Erfolgreiche Interviews führen: Die bereits erschienenen Podcast-Folgen mit Prof. Dr. Armin Scholl sind:

Folge 1: OBJEKTIVITÄT in Interviews
Folge 2: WAHRHEIT in Interviews
Folge 3: FAIRNESS in Interviews

Befragt wird Armin Scholl von Mario Müller-Dofel, Co-Initiator von alles-ueber-interviews.de.

Erfolgreiche Interviews führen - Müller-Dofel
Erfolgreiche Interviews führen: Prof. Dr. Armin Scholl erläutert, wie sich Missverständnisse in Interviews vermeiden lassen (Foto: Susanne Lüdeling)

Teil 4: Missverständnisse

„Die Frage, wer Missverständnisse in Interviews feststellt, ist auch eine Dominanzfrage“, sagt Armin Scholl. „Denn wenn ich als Sender einer Information sage, der Adressat hat mich missverstanden, liegt die Verantwortung darüber bei ihm.“ Deshalb könne die Zuweisung eines Missverständnisses auch strategisch benutzt werden.

Im Podcast führt er diese Gedanken aus, als Müller-Dofel ihn zur Missverständnis-Zuweisung von Ex-VW-Vorstandschef Matthias Müller an einen US-Journalisten befragt. Wer sich durch die Zuweisung des Missverstehens an eine andere Person in eine Opferrolle begebe, könne sich damit augenscheinlich davon entlasten, selbst Fehler gemacht zu haben, meint Scholl.

Die Art zu sprechen als Quelle von Missverständnissen

Fehler auf Seiten von Interviewten lägen oft in ihrer Ausdrucksweise – etwa bei Wirtschaftsvertretern und Politikern. „Je staatstragender Politiker antworten, desto verhüllter ist ihre Sprache“, beobachtet Scholl. Und desto größer wird auch das Missverständnis-Potenzial. Deshalb sollten Interviewer darauf achten, auch die Ausdrucksweise ihrer Gesprächspartner zu hinterfragen. Interviewantworten mit präzisen, weitverbreiteten Begriffen, die auf den Fragekern eingehen, funktionierten am besten und reduzierten das Missverständnis-Potenzial.

Gute Fragen stellen: Die Krux mit der Distanz

Um die Art der Sprache von Interviewpartnern zu hinterfragen, bedarf es jedoch einer gewissen Distanz, weil Interviewer mit Distanz oft unbefangener fragen und sich auch mal trauen, vermeintlich „dumme“ Fragen zu stellen, sagt Scholl. Um kluge „dumme“ Fragen stellen zu können, müsse der Interviewer allerdings erkennen, dass zum Beispiel eine Interviewantwort, auf die er eine “dumme” Frage bezieht, nur eine Phrase war. Und hier käme der Nachteil der Distanz ins Spiel: Distanzierte Interviewer hätten mitunter weniger Fachwissen, weil sie eben nicht so nah dran am Interviewpartner und dessen Themen sind.

Erfolgreiche Interviews führen: Das Kommunikationsquadrat beachten

Und wie kommen (echte) Missverständnisse aus kommunikationspsychologischer Sicht zustande? Hier verweist Scholl auf das Kommunikationsmodell „Vier Seiten einer Nachricht“ bzw. auf das „Vier-Ohren-Modell“ (beides auch „Kommunikationsquadrat“ genannt) des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Bei den „Vier Seiten einer Nachricht“ geht er davon aus, dass Sender von Informationen nicht nur hörbare (sachliche) Nachrichten an ihre Adressaten übermitteln, sondern deutlich mehr preisgeben: neben der

  • Sachinformation auch etwas über
  • ihr damit zusammenhängendes eigenes Befinden,
  • die Beziehung zum Empfänger der Sachinformation und
  • einen Appell an den Informationsempfänger.

Andersherum – beim „Vier-Ohren-Modell“ – geht Schulz von Thun davon aus, dass jede Äußerung kommunizierender Menschen auf den genannten vier Ebenen vom Adressaten verstanden wird. Dabei ist es unerheblich, ob der Sender dies möchte oder nicht.

„Man kann Kommunikation also nicht auf eine Ebene reduzieren“, sagt Prof. Dr. Scholl im Podcast. „Und wenn Informationssender oder -empfänger die vier Kommunikationsebenen unterschiedlich interpretieren, kommt es zu Missverständnissen.“

Metakommunikation als Gegenmittel

Wenn Interviewer (oder die von ihnen Befragten) Missverständnisse vermuten oder bemerken, können sie versuchen, sie via Metakommunikation aufzuklären. Dann zeigt sich auch, ob es sich um ein echte Missverständnisse handelt – oder lediglich um differierende Sichtweisen. Aber Vorsicht: Wie so oft in der zwischenmenschlichen Kommunikation macht auch hier der Ton die Musik. Allerdings sollte Metakommunikation in Interviews nur kurz stattfinden. „Ein Interview ist schließlich nicht dazu da, länger über seine Beziehung zum jeweils anderen Beteiligten zu reden“, sagt Prof. Dr. Scholl.

Erfolgreiche Interview führen: Welcher Interviewer kann es besser?

Angenommen, zwei Interviewer kämen für ein Interview in Frage: der eine ist der bessere Fachmann, der andere der cleverere Kommunikator. Welchen würden Sie lieber zum Interview schicken, Herr Scholl? Darauf sagt der Journalismusforscher im Podcast: „Wenn das Interview für ein Fachpublikum geführt wird, wohl eher den besseren Fachmann. Und wenn das Interview für ein Medium geführt wird, dessen Leser viele Details des Interviewthemas nicht kennen oder vermutlich nicht so leicht verstehen, dann eher den besseren Kommunikator.“

Es komme, meint Scholl, beispielsweise in vielen Wirtschaftsinterviews nicht darauf an, jedes Detail zu erklären, sondern ein grundlegendes Verständnis für das breite Publikum zu erzeugen. Hierfür seien eher starke Kommunikatoren geeignet, die zudem den Mut hätten, auch „dumme“ Fragen zu stellen.

Hört rein, hört zu und stellt die Thesen von Prof. Dr. Armin Scholl Euren eigenen Auffassungen gegenüber. In einigen Wochen folgt der fünfte Podcast-Teil mit ihm. Dann geht es um die Interviewautorisierung.