Balkonfrage: Tango oder Farce?

Von der Balkonfrage gibt’s zweierlei

Wenn der Interviewer mehr redet als der Interviewte, läuft was falsch. Deshalb sind extrem lange Fragen verboten. Aber bei der Balkonfrage gibt es Ausnahmen.

Von Christian Sauer*, im April 2014

„Sicher haben Sie als der zuständige Minister bemerkt, dass…. Weshalb ja manche der Meinung sind, Sie müssten… Aber wo sehen Sie das eigentliche Problem, wenn man bedenkt, wie sehr…. Kurz: Wie wollen Sie den Koalitionspartner überzeugen?“

Ja, da lacht der Interviewprofi! Solche Wahnsinnsfragen zu unterlassen, das lernt man schon in der Journalistenausbildung. Es handelt sich um eine klassische Balkonfrage. Die stellt man grundsätzlich nicht, so die Regel. Aber gibt es nicht auch Ausnahmen?

Klassiker eines quirligen Intellektuellen

Die Balkonfrage dient dem Fragensteller vor allem dazu, sich in Szene zu setzen, mit dem eigenen Wissen zu glänzen. Da hofft jemand, den Gesprächspartner qua Redeschwall einzuschüchtern. Leider bewirkt die Balkonfrage das komplette Gegenteil, zumindest bei versierten Interviewpartnern. Die lassen den Pfau ins Leere laufen.

So geschehen in einem berühmten Interview, das Wolf Schneider in seinen Journalismus-Lehrbüchern gern zitiert. Es geht um Fritz J. Raddatz, den einstmaligen „ZEIT“-Kulturchef, einen hoch angesehenen Journalisten und quirligen Intellektuellen. Er veröffentlichte am 22.8.1980 in der „Zeit“ ein Interview mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, das so begann:

Raddatz: Herr Bundeskanzler, ich möchte die Frage zu unserem Gespräch über Ihren – und damit der Sozialdemokratie – Kulturbegriff gleich mit einem misstrauischen Satz beginnen: Ist es nicht so, dass, obwohl die Sozialdemokratie sozusagen aus der Arbeiterbildungsbewegung hervorgegangen ist, heute ganz generell ein sehr konservativer, manchmal gar reaktionärer Kulturbegriff auch bei Ihnen vorherrscht; kann man gar sagen, dass ein Misstrauen gegen Intellektuelle und Künstler überwiegt, dass man Kunst – welchen Genres auch immer – begreift als Applikation, als das Nette und Schöne, gar für den Feierabend zu Reservierende, nicht als Störfaktor, nicht als das Aufreizende, auch den einzelnen Verstörende?

Schmidt: Das war ja nun eine ganz Menge auf einmal, ich bin nicht sicher, ob ich alle diese vielen Ureile und Vorurteile in einem Atemzuge beantworten kann.

Da wünschte sich der Leser zweierlei: Dass Raddatz eine ordentliche Einstiegsfrage mit ein oder zwei Sätzen gestellt hätte. Oder dass er, wenn es denn mit ihm durchgegangen ist, wenigstens hinterher den Fragetext ein bisschen eindampft. Nichts davon geschah, und so wurde Raddatz’ Balkonfrage zum Klassiker, der die Regel unterstreicht: Balkonfragen unterlassen!

Der alte Fuchs schließt virtuos

Und doch ist das letzte Wort zum Thema Balkonfragen damit noch nicht gesprochen. Das liegt ausgerechnet noch mal an Fritz J. Raddatz, genau genommen an einem Interview, das Sven Michaelsen mit Raddatz für das SZ-Magazin geführt hat (Ausgabe vom 4.4.14). Es geht um die jüngst veröffentlichten Tagebücher von Raddatz. Darin gibt er freimütig Auskunft über sein Seelenleben im hohen Alter (Raddatz ist heute 82). Im Interview findet sich folgende Passage:

Michaelsen: Sie beschreiben Ihren heutigen Zustand mit den Wörtern: Bitterkeit, Vekrauchtheit, Gemuffel, seelische Ermattung, Lebensekel, Lebensüberdruss, anhaltende Depressionen, Vergeblichkeitsgedanken, Endzeitgefühle, Todesfurcht, Weltverachtung, Erlebnisarmut, Leere, Vereisung, Glücksimpotenz, Wälz- und Albträume, Zittrigkeit, Echolosigkeit, Abgemeldetsein, Schwerhörigkeit, Astigmatismus, Polyneuropathie, Arthrose, Herpes, Gürtelrose, verkrebste Lymphen, Krebsverdacht, Prostata-Alarm. Gibt es auch etwas Schönes am Alter?

Raddatz: Es gibt Angenehmes, Schönes nicht. Alter ist ein Massaker. Da hat Philip Roth leider recht.

Interessant ist, dass Raddatz diese Balkonfrage offensichtlich weder übel nimmt noch als Provokation empfindet. Im Gegenteil. Der alte Journalistenfuchs genießt sie geradezu und setzt mit dem Philip Roth-Zitat einen virtuosen Schlusspunkt. Eine elegante Figur im Interview-Tango: schräg, überraschend, spannungsvoll, drastisch.

Balkonfrage - Christian Sauer antwortet

Balkonfragen können Interviews zum Tango machen. Das schaffen aber nur die Virtuosen unter den Journalisten. (Foto: Scott Griessel/Fotolia.com)

Warum funktioniert diese irrwitzige Balkonfrage?

Sie hätte dem Lehrbuch nach nie gestellt werden dürfen. Sie ist geschickt konstruiert. Es handelt sich um einen einfachen Hauptsatz, dessen Verb vor dem Doppelpunkt steht. Der Satz kann trotz der enormen Aufreihung von 28 gleichartigen Satzgliedern leicht verstanden werden. Zweitens sind tolle Ausdrücke dabei, die beim Lesen ordentlich Spaß machen. Drittens tastet sich die Aufreihung vom Spielerischen zum Skurrilen zum Medizinischen vor und nebenbei auch noch von den seelischen zu den körperlichen Leiden. Es wird sozusagen immer intimer. Man verfolgt das mit staunenden Kopfschütteln, fragt sich, wohin das noch führen soll – diese Spannung wird mit der Schlussfrage „Gibt es auch etwas Schönes am Alter?“ wunderbar ironisch aufgelöst. Ein feines Stückchen Kulturjournalismus, dargeboten von zwei echten Könnern.

Und was heißt das nun für den Durchschnittsjournalisten? Oberste Regel bleibt: keine Balkonfragen stellen! Zwei Sätze, drei bis vier Zeilen, dann sollte wieder der Interviewte reden, denn der ist die Hauptperson. Und doch kann es Situationen geben, wo der Interviewer mit der Länge einer Antwort spielt. Wenn es gelingt, dieses Spiel leicht durchschaubar zu machen für den Leser (wie in der Frage von Michaelsen), dann kann das zum Genuss werden. Michaelsen nutzt die Gelegenheit, eine extrem gut informierte, eine superkomplexe Frage, anzubringen. So wird der Interviewpartner zu einer starken Antwort herausgefordert.

* Christian Sauer ist ausgebildeter Journalist, Coach und Trainer. Er promovierte in der Erwachsenenbildung, arbeitet als Dozent zu den Schwerpunkten Redaktionsleitung, Kreativität und Textqualität, u.a. an der Akademie für Publizistik, an der ABZV und in der internen Weiterbildung von Verlagen und Unternehmen, und coacht Medienmenschen zu ihren beruflichen Anliegen. Christian Sauer volontierte 1990 bis 1992 beim Tagesspiegel und war unter anderem 1999 bis 2005 stellvertretender Chefredakteur der evangelischen Zeitschrift „chrismon“.