Lars Haider vom Hamburger Abendblatt bald in neuer Rolle?

„Es hat ein TV-Sender angefragt“

Lars Haider hat sich interviewen lassen – zunächst mal als Wolfgang Kubicki. Der Chefredakteur des Hamburger Abendblatts und der FDP-Vizechef haben für ein fünfminütiges Interview der Abendblatt-„Chefvisite“ die Rollen getauscht. Das Format war ungewöhnlich und – wie wir und viele andere Zuschauer finden – kurzweilig, amüsant sowie selbstironisch. Für „Alles über Interviews“ reflektiert Lars Haider den Publikumserfolg. Kein Zweifel, der Mann, der nun auch Cem Özdemir ist, hat sein exorbitantes Jahresgehalt verdient.

Von Mario Müller-Dofel*, im Mai 2017

Lars Haider vom Hamburger Abendblatt im Interview mit Wolfgang Kubicki
Kann auch richtig lustig: Lars Haider, Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt (Foto: Hamburger Abendblatt)

Mario Müller-Dofel: Lars Haider, beginnen wir vor dem Rollentausch-Interview: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Lars Haider: Wolfgang Kubicki war für ein Interview mit Blick auf die Landtagswahl in unserer Redaktion. Dabei ist mir die Idee gekommen, ob wir nicht auch eine „Chefvisite“ mit ihm machen könnten. Das ist meine wöchentliche Videokolumne.

Und er?
Fragte trocken: „Was muss ich machen?“ Ich sagte: „Ganz einfach: Sie sind ich und ich bin Sie.“ Dann haben wir uns hingesetzt und gedreht.

Ohne jede Vorbereitung?
Ja.

Eine solche Spontaneität bei offiziellen Politikerauftritten ist ungewöhnlich.
Kommt auf den Politiker an. Für Kubicki war das sichtbar kein Problem.

Als Kubicki Sie einführend als Kubicki vorgestellt hat, sind Sie auf Ihrem Hosenboden herumgerutscht und haben sich an der Nase herumgezubbelt. Wer sich mit Körpersprache auskennt, weiß, was diese Signale bedeuten können. Haben Sie sich erstmal ein bisschen unwohl gefühlt?
Überhaupt nicht. Ich wollte einfach nur selbstbewusst und etwas kokett wirken. Wie Kubicki eben. Vergessen Sie nicht: Sie haben Kubicki auf dem Hosenboden herumrutschen sehen, nicht mich.

Richtig, ich war durcheinandergekommen. Wechseln wir auf die andere Seite des Interviewtisches: Als der Video-Kubicki gleich zu Beginn des Gesprächs seine Hamburger FDP-Kollegin Katja Suding auf Bundesebene für irrelevant erklärte, schien der echte Kubicki bei aller konzentrierten Beherrschtheit ganz kurz not amused gewesen zu sein.
Finden Sie? Das war im Spaß inbegriffen, zumal ich mir diese Pointe nicht entgehen lassen konnte. Und auf Bundesebene rangiert Frau Suding nun mal hinter Parteichef Christian Lindner und Wolfgang Kubicki.

 

„Wolfgang Kubicki traue ich zu, dass er sogar weiß, was ein Liter Milch kostet.“

 

Als der Video-Haider Ihr Jahresgehalt als Chefredakteur des Hamburger Abendblatts auf 460.000 Euro bezifferte, sahen Sie ganz zufrieden aus. Jetzt mal im Ernst: Kommen Sie überhaupt auf ein Viertel?
Man wirft ja Politikern immer vor, dass sie sich im normalen Leben nicht auskennen. Kubicki traue ich zu, dass er sogar weiß, was ein Liter Milch kostet.

Chapeau – auch mit Blick auf Ihren Kontostand. Zurück zum Rollentausch: Sowas kostet jede Menge Konzentration. Sind Sie zwischendurch mal aus Ihrer Rolle geflogen?
Nein, wir haben das sauber durchgehalten und brauchten deshalb nur einmal zu drehen. Als wir fertig waren, ist Kubicki aufgestanden und gegangen.

Sie fanden das Gespräch nicht anstrengend?
Nein.

Oha.
Mir hat das großen Spaß gemacht, zumal Kubicki ein Typ ist, der auch über sich lachen kann.

Mögen Sie ihn?
Ich mag vor allem, dass seine Reden und Auftritte niemals langweilig sind.

Im Video dauert das Gespräch fünf Minuten. Wie lang war die originale Version?
Zehn Minuten.

Warum haben Sie sie gekürzt?
Fünf Minuten sind fürs Netz schon sehr lang, normalerweise dauert eine „Chefvisite“ eher zwei Minuten.

Wie lange dauerte die Produktion des Formats insgesamt?
Da eine inhaltliche Vorbereitung wegfiel, brauchen wir nur den schnellen Technikaufbau- und -abbau, die zehn Gesprächsminuten und den Schnitt zusammenrechnen: ergibt insgesamt rund anderthalb Stunden Arbeitszeit.

Werden Sie das Format nochmal bringen?
Ja, es gibt schon eine zweite Folge mit Cem Özdemir, dem Spitzenkandidaten der Grünen bei der Bundestagswahl. Und es gibt die Anfrage eines TV-Senders, ob ich den Rollentausch vor der Bundestagswahl viermal mit je einem Politiker machen will.

Welcher TV-Sender fragt an?
Lassen Sie sich überraschen.

Und wollen Sie?
Warum nicht? Wir sind im Gespräch.

Welche Politiker wünschen Sie sich?
Da gibt es jede Menge. Ich bin gespannt, wer mitmacht. Es ist auf jeden Fall ein Format, von dem alle etwas haben. Die Zuschauer genauso wie die Politiker und wir Journalisten.

Wie wär’s mit einem hauptberuflichen Fernsehjob? Da können Sie vielleicht noch mehr als 460.000 Euro im Jahr verdienen.
(Lacht) Nee, keine Sorge.

Dann sind wir alle beruhigt.

Das Gespräch führte Mario Müller-Dofel. Er ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.