Interview-Fotografie: Gurians Blick „over the shoulder“

„Die Show macht der Kollege. Ich möchte nicht stören.“

Profi in action: Begleitet ein Interview-Fotograf mit der Kamera das Gespräch, so kann er maßgeblich zum Erfolg beitragen. Hier erklärt der Fotograf und Dozent Erol Gurian, als Autor ein Kooperationspartner von alles-ueber-interviews.de, welche Fragen die Kollegen sich vor der Interview-Fotografie stellen sollten und warum „Over Shoulder“ so gut funktioniert.

Interview-Fotografie mit Fotoprofi Erol Gurian
Interviewgestik: Dr. Michael Krings, Geschäftsführer der Douglas Logistik GmbH (Foto: Erol Gurian)

Ein Interview bietet dem Fotografen eine gute Gelegenheit, nahe an einen Menschen heranzukommen, um authentische und belebte Fotos von ihm zu machen. Dabei sind die Stichwörter „Gestik“ und „Mimik“ am Wichtigsten, denn das Bild einer sprechenden Person kann sehr langweilig sein, wenn man sich nicht auf den Ausdruck konzentriert. Das Interview als Stilform ist ja eine Gattung, die den Menschen besonders in den Mittelpunkt rückt – und ähnlich wie bei der schriftlichen Sprache geht es auch beim Foto um lebhafte, starke Ausdrücke, die aus einem Gespräch ein bemerkenswertes Interview machen.

Zwei Arten von Interviewpartnern

Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Arten von Interviewpartnern – und es ist für mich üblicherweise nach einem Drittel der Zeit klar, welcher Art der Mensch vor uns angehört: die einen sind die Statischen, die im Gespräch einfach nur den Mund bewegen, die anderen sind die Belebten, Leute, die mit Händen und Füßen kommunizieren. Für den Fotografen, ist natürlich letztere Spezies fotografisch interessanter. Was ich in jedem Fall nicht mache in so einem Gespräch: Anweisungen geben. Diese Show, die Regie im Termin überlasse ich dem schreibenden Kollegen. Ich möchte nicht stören.

Interview-Fotografie für starke Interviewfotos mit Erol Gurian
Setzt Persönlichkeiten ins Bild: Top-Fotograf Erol Gurian (Foto: Privat)

Vorab diese fotospezifischen Fragen klären

Es gibt eine alte Weisheit: Wenn das Interview schlecht wird, ist daran nicht der Interviewpartner schuld, sondern der Journalist. Die Interview-Fotografie ist eben echte journalistische Arbeit. Das macht man nicht mal so eben auf die Schnelle: Ihre Vorbereitung auf den Shoot ist mindestens genauso wichtig wie das Fotografieren im Gespräch und drumherum. Das Ziel sollte es sein, vor Beginn des Interviews bereits den Ort zu erkunden und zu sehen, was die Location bietet. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Wo ist ein ruhiger Hintergrund ohne störende Details, die mit Ihrem Interviewpartner konkurrieren?
  • Wie ist die Lichtsituation? Können Sie mit vorhandenem Licht (z. B. Tageslicht/Fensterlicht) arbeiten, oder müssen Sie blitzen?
  • Falls Sie blitzen müssen: Können Sie die Zimmerdecke oder eine Wand nutzen, um indirekt zu blitzen?
  • Wo platzieren Sie sich am besten, um Ihren Protagonisten vorteilhaft abzubilden?
  • Können Sie mit einer Tele-Brennweite arbeiten, um einen möglichst unscharfen Hintergrund zu bekommen?
  • Wie platzieren Sie sich im Verhältnis zu Ihrem Kollegen/Ihrer Kollegin und Ihrem Protagonisten?

So funktioniert „Over Shoulder“

Ein allgemeiner Tipp, damit Interview-Fotografie gelingt: Mit der sogenannten „Over Shoulder“-Perspektive gelangen Sie zu starken Interviewfotos. Diese Perspektive beschreibt den Blickwinkel, von dem aus das Foto aufgenommen wird. Er befindet sich unmittelbar – sozusagen Schulter an Schulter – neben dem Interviewer, der das Interview führt.

Der Interview-Fotograf guckt dem Interviewer also über die Schulter und vermittelt dem Betrachter das Gefühl, selber beim Gespräch dabei zu sein. Damit passt Ihr Bild zu dem, was ein gutes Interview erwecken soll, nämlich das Gefühl, bei einem lebhaften Gespräch dabei zu sein und die Dinge direkt vom Gesprächspartner zu erfahren. Übrigens wirkt der Blick in die Kamera dabei merkwürdig und sollte nicht angestrebt werden, denn wer unterhält sich schon mit einer Fotokamera? (Bei einer Live-Schaltung im Fernsehen ist das durchaus üblich). Wenn Gesprächspartner dennoch in die Linse blicken, sage ich dann schon einmal was. Etwa: „Tun Sie am besten so, als wäre ich gar nicht da.“ Das reicht meistens.

Einblick in die Persönlichkeit

Das Spannende am Interview sind aber nicht nur diese Gesprächsfotos, sondern auch die oft sehr aussagekräftigen Details, die man am Rande findet und die eine ganze Bilderserie ermöglichen, die dem Betrachter einen gewissen Einblick in die Persönlichkeit eines Menschen geben. Hier ist vor allem der konzentrierte Blick auf die Hände interessant. Gestikulierende Hände, Hände, die mit dem Stift spielen, gefaltete Hände. Wenn Sie diese Art der Fotografie verfolgen, dann schaffen Sie mit einer Interviewsession genau das, was im Idealfall auch Ihr schreibender Kollege anstrebt: Sie erreichen eine Art Weiterführung des Porträts, das auch über viele Seiten oder auf lang scrollbaren Internetseiten attraktiv wirkt.

 Erol Gurian studierte Fotojournalismus und Psychologie in den USA. In Deutschland machte er sich 1991 als Fotograf  selbstständig. Er arbeitet schwerpunktmäßig für bekannte Magazine, aber auch für Werbung und Public Relations. Außerdem ist er ein vielgebuchter Fotodozent und -trainer.