Interviews mit Promis: „Wer so denkt, ist ein Vollidiot“

„Wer so denkt, ist ein Vollidiot“

Interviews mit Promis: Der Journalist Sven Michaelsen gewann für sein SZ-Magazin-Interview mit dem langjährigen Feuilleton-Chef der Zeit, Fritz J. Raddatz, den Interviewpreis des Reporter-Forums. Im Gespräch steht er selbst Rede und Antwort – über Raddatz, sich selbst und andere Interviewer. Dabei fand er deutliche Worte.

Von Mario Müller-Dofel*, im Januar 2015

Das Reporter-Forum vergab im Dezember seine Reporterpreise für das Jahr 2014. In der Kategorie „Bestes Interview“ gewann der freie Journalist Sven Michaelsen (56) mit zwei Interviews, die er im Frühjahr 2014 für das SZ-Magazin geführt hat – eines davon mit dem damals 82-jährigen Fritz J. Raddatz. Der streitbare Publizist, langjährige Feuilleton-Chef der Zeit und ehemalige Vize-Chef des Rowohlt-Verlages hatte gerade seine „Tagebücher 2002 bis 2012“ veröffentlicht.

Michaelsens Sieger-Interview porträtiert einen intellektuellen Exzentriker, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er seine Seelenschäden, sein Sexualleben und seinen Groll über ehemalige Freunde wie Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass ausbreitet. Im Gespräch mit Mario Müller-Dofel erzählt Sven Michaelsen, wie er und prominente Gesprächspartner in Interviews ticken, was im Interview mit Raddatz bezeichnend für dessen „atemverschlagende Eitelkeit“ war, warum das Gespräch ohne „Nuttenbrause“ lief, weshalb er für die Autorisierung von Interviews plädiert und welche Interviewer sich einen anderen Job suchen sollten.

Interviews mit Promis - Sven Michaelsen
Sven Michaelsen: „Gespräche führen und verschriftlichen sind getrennte Disziplinen, aber ich kann beide.“ (Foto: Privat)

Mario Müller-Dofel: Herr Michaelsen, Fritz J. Raddatz hat in mehreren Büchern bereits jede Menge Intimitäten über sich und sein Leben verraten. Warum wollten Sie ihn auch noch darüber interviewen?
Sven Michaelsen:
Da spielte Biographisches mit. 1985 war ich drei Monate lang Praktikant im Feuilleton der Zeit. Die Sekretärin wies mir ein ungewöhnlich geräumiges Zimmer zu, das mit Autographen weltberühmter Schriftsteller dekoriert war. Von Kollegen erfuhr ich, dass ich das Büro von Raddatz bekommen hatte – den hatte man nämlich gerade wegen wiederholter Schlampereien im hohen Bogen rausgeworfen. Mein Interesse für diesen Mann wurde dann noch gesteigert, als er mir immer mal wieder als nackter Strandläufer auf Sylt begegnete.

Sie leben beide in Hamburg. Hatten Sie privat Kontakt zu ihm?
Nein. Raddatz hat sich leider vor zehn Jahren aus dem Hamburger Gesellschaftsleben verabschiedet. Früher gab er legendäre Partys, zu denen von Inge Feltrinelli bis Peter Rühmkorf so ziemlich jeder erschien, der in der Kultur eine Stimme hatte. Raddatz ließ Hummerhäppchen servieren und fragte alle fünf Minuten, ob man noch Nuttenbrause wolle – so nannte er Rosé-Champagner. Aber wehe, ein Gast überreichte ihm als Mitbringsel einen allzu mickrigen Blumenstrauß. Diesen Frevel bestrafte er mit jahrelanger Gekränktheit und Rachsucht.

Dazu passt die Geschirrtuch-Anekdote aus Ihrem Interview.
Seiner intimsten Freundin, der Milliardenerbin Gabriele Henkel, kündigte er nach fast dreißig Jahren die Freundschaft, weil sie ihm zur Einweihung der neuen Wohnung zwei Geschirrhandtücher geschenkt hatte. Diese Schnödigkeit, wie er es nannte, erschien ihm unentschuldbar. Ein Credo von ihm lautet, Schenken sei wie Streicheln.

Was war Ihr journalistisches Motiv für das Raddatz-Interview?
Die Schonungslosigkeit, mit der er in seinen Tagebüchern über die Demütigungen des Alterns schreibt. Bei diesem Thema mauern die meisten Autoren und verstecken sich hinter dem berühmt gewordenen Satz von Philip Roth, das Alter sei ein Massaker. Raddatz dagegen erzählt detailliert, wie es sich anfühlt, wenn die Libido stirbt, die Blase nicht mehr richtig funktioniert und der letzte Freund zu Grabe getragen wird. Menschen dieser Wesensart kriegen Sie nur alle paar Jahre vor Ihr Mikrophon.

Wie lange haben Sie sich auf das Interview vorbereitet?
Ich habe die beiden Tagebuchbände gelesen, die 2003 erschienenen Memoiren Unruhestifter, zwei autobiographische Romane sowie Aufsätze und Interviews aus den letzten Jahren – zusammen gut zweitausend Seiten. Anschließend habe ich Fragen entwickelt. Das addierte sich zu knapp zwei Wochen Vorbereitungszeit.

Drei Tage hätten nicht gereicht?
Wer wenig weiß, stellt 08/15-Fragen und bekommt 08/15-Antworten. Berühmte Menschen prüfen in den ersten Minuten eines Interviews, wie gut oder schlecht der Journalist vorbereitet ist. Vom Ergebnis machen sie die Qualität ihrer Antworten abhängig. Der Journalist bekommt von diesem Test nichts mit.

 

„Berühmte Menschen prüfen in den ersten Minuten eines Interviews, wie gut oder schlecht der Journalist vorbereitet ist. Vom Ergebnis machen sie die Qualität ihrer Antworten abhängig.“

 

Haben Sie ein Beispiel parat?
Nehmen Sie den Schriftsteller Peter Handke: Wenn Sie ihn in seinem Haus im Pariser Vorort Chaville zum Interview treffen, stolpern Sie im Hausflur über ein Paar alte Bergschuhe. Wenn Sie Handke dann nicht fragen, ob das die Bergschuhe aus seinem Roman Mein Jahr in der Niemandsbucht sind, wirft er Sie nach dreißig Minuten wieder raus.

Und wenn ich die Schuhe erkenne?
Dann kocht er Ihnen ein Risotto mit selbst gepflückten Steinpilzen und öffnet eine Flasche Sancerre. Ich kann verstehen, dass Stars Journalisten abchecken, denn nichts ist öder, als ewig gleiche Fragen beantworten zu müssen. Für einen Interviewer gibt es zwei Möglichkeiten, höflich zu sein: ausreichende Vorbereitung und kluge, originelle Fragen, die dem Gegenüber nicht alle Tage gestellt werden.

Haben Sie unhöfliche Interviewpartner erlebt?
Helmut Berger holte beim Interview sein Genital raus und stellte Dehnübungen damit an. Der Kleinbürger in mir hat sich kurz die Frage gestellt, ob ich das ein klein wenig respektlos finden soll, aber im Grunde genommen sind das die Situationen, warum ich immer noch gern Journalist bin.

Haben Sie Raddatz vor dem Interview Fragen geschickt, damit er sich auf Sie einstellen kann?
Nein. Wenn einer vorher die Fragen haben will, sage ich ab. Ein Star erzählt dann nur die Dinge, die er über sich lesen will. Und das ist nicht das, was ich über ihn lesen will.

Ihr erster Satz im veröffentlichten Raddatz-Interview lautet: „Die abstoßendste Figur in Ihren Tagebüchern ist Ihr Vater, ein Oberst a. D. der kaiserlichen Armee, der in der Weimarer Republik zur Direktion der Ufa gehörte.“ Warum haben Sie ihm keinen Satz mit Fragezeichen serviert?
Es ist ein dämliches Klischee, dass Interviews mit einer Frage zu beginnen haben. Gelungene Interviews verdienen das Prädikat Gespräch, und Gespräche funktionieren nun mal nicht nach dem Frage-Antwort-Muster. Das kann jeder in seinem privaten Leben überprüfen.

 

„Von einem Warm up halte ich nichts.“

 

Haben Sie den Einstiegssatz original so gesagt oder eine Frage für den Text umgeschrieben?>
Der Satz wurde so gesagt. Viele Kollegen beginnen ihre Interviews mit einem Warm up: Grüße ausrichten, das Wetter, die Anreise. Davon halte ich nichts. Die erste Frage bestimmt die Temperatur des Gesprächs, deshalb komme ich sofort zum Thema.

Ihre zweite Äußerung ist eine Frage: „Konnte Ihre Stiefmutter Ihnen sagen, wer Ihr biologischer Vater ist?“ Raddatz kennt ihn angeblich, wollte ihn „aber nicht aufdecken, weil „er kein ganz unbekannter Mann ist“. Diese Antwort schreit geradezu danach, dran zu bleiben. Warum haben Sie trotzdem nicht nachgehakt?
Weil das Spiegelfechterei gewesen wäre. Wenn jemand im mutmaßlich letzten Buch seines Lebens den Namen des biologischen Vaters nicht preisgeben will, wird er das auch ein paar Wochen später im SZ-Magazin nicht tun.

Unbefriedigend, oder?
Ja.

Warum haben Sie die Passage dennoch veröffentlicht?
Ich fand es bezeichnend für die immer noch atemverschlagende Eitelkeit von Raddatz, erwähnen zu müssen, dass er natürlich nicht der Sohn eines Nobodys sei. Da bekommt eine Nicht-Antwort Porträtqualität.

Würden Sie seinen Erzeuger gerne aufdecken?
Ich fürchte, der Name würde weder Ihnen noch mir etwas sagen.

Erzählt hat Raddatz Ihnen, dass er als Elfjähriger von seinem Stiefvater genötigt wurde, mit dessen Frau zu „ficken“. Daraufhin haben Sie, statt eine moralisch gefärbte Frage zu stellen, nach dem Wie gefragt: „Kann ein Elfjähriger mit einer Frau Geschlechtsverkehr haben?“ Warum?
Für moralische Bewertungen fühle ich mich unzuständig, das ist Sache des Lesers. Jeder Mensch begreift sofort, dass erzwungener Sex mit der eigenen Stiefmutter ein Verbrechen ist und die Schändung einer Kinderseele. Trotzdem muss ein Journalist die Frage stellen, ob Raddatz eine Kinderphantasie heute als Realität empfindet. Ich weiß allerdings noch, wie unangenehm es mir war, diese Frage zu stellen.

 

„Bei der Begrüßung war er eher übellaunig und mundfaul – als habe ihn sein Verlag dazu verdonnert, einem dieser dahergelaufenen Tintenpisser seine kostbare Zeit zu schenken.“

 

Das Interview enthält hochemotionale Details. Wie war Raddatz gestimmt, während er sie vor Ihnen ausbreitete?
Bei der Begrüßung war er eher übellaunig und mundfaul – als habe ihn sein Verlag dazu verdonnert, einem dieser dahergelaufenen Tintenpisser seine kostbare Zeit zu schenken. Nach den ersten zwei, drei Fragen drehte die Stimmung. Raddatz war unter Feuer und freute sich über die Geistesgegenwart seiner Antworten.

Wo fand das Interview statt?
Ich hatte gehofft bei ihm zu Hause, denn seine Wohnung in Hamburg-Harvestehude ist höchst sehenswert, ein mit Kunst und Antiquitäten übersätes Raddatz-Museum. Leider wurde ich in ein Konferenzzimmer des Elysée Hotels bestellt, wo zwischen Raddatz und mir zwanzig Flaschen Fachinger-Wasser standen. Meine Idee, beim Zimmerservice eine Flasche Nuttenbrause für uns zu bestellen, war damit hinfällig.

Wie sind Sie als Interviewer, wenn Sie nach Intimitäten fragen?
Ich habe keine Lust zu schauspielern und meinem Gegenüber mit einer klebrigen Performance das Gefühl zu geben, wir könnten beste Freunde werden. Ich frage wie ein Arzt bei der Anamnese. Im besten Fall denkt der Andere dann, er sei bei einem Arzt gelandet, der zumindest die richtigen Fragen stellt.

Ein Psychodoktor fragt ebenfalls nüchtern.
Kann sein, aber mein Bild von Ärzten ist von ZDF-Filmen bestimmt, und da ist der Arzt so, wie sein jeweiliger Patient ihn braucht. So anpassungsfähig sollten Journalisten auch sein. Es ist nicht sinnvoll, einem Nachwuchslyriker, der mit 22 gerade seinen ersten Gedichtband veröffentlicht hat, mit dem gleichen Verhalten gegenüber zu treten wie Thomas Gottschalk oder Angelina Jolie.

Sie sind in Interviews mit Promis mehr auf der Sachebene als auf der Beziehungsebene unterwegs?
Fünfzig fünfzig. Was einen anfangs erstaunt, ist, dass nie eine Frage zurückkommt. Selbst wenn Sie mit einem Star mehrere Tage verbringen, kommt dieser Mensch nicht auf die Idee, Sie aus purer Höflichkeit mal zu fragen, ob sie verheiratet sind oder Kinder haben. Stars sind Totalegozentriker. Das ist aber keine Berufskrankheit, sondern eine notwendige Voraussetzung für ihren Erfolg.

Wie inszenieren Sie sich in Interviews mit Promis – zum Beispiel vor den Angela Jolies dieser Welt?
Wenn man in Los Angeles Stars interviewt, hat man meist vierzehn Flugstunden in der Holzklasse hinter sich und ist im Jetlag. Bei empfindsamen Weltstars wie Frau Jolie kommt hinzu, dass hinter dem Interviewer ein sogenannter Publicist sitzt, der darüber wacht, dass Sie dem Star mit Ihren Fragen nicht zu nahe kommen. Weil es nervös macht, wenn hinter einem dauernd jemand ruft: „You crossed a red line“, habe ich bei dieser Sorte Interview eine Liste mit ausformulierten Fragen vor mir auf dem Tisch liegen. Da mag nach Buchhalterseele aussehen, aber man wird nicht so leicht aus dem Konzept gebracht.

 

„Natürlich leidet auch er unter dem Künstlersyndrom aus infernalischem Größenwahn und quälenden Minderwertigkeitskomplexen.“

 

Zurück zu Fritz J. Raddatz: Der sagte zu Ihnen: „Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf Menschen wirke, ob sie alle nur lügen und ich in Wahrheit grauenvoll bin.“? Ist er in Wahrheit grauenvoll?
Nein. Raddatz ist eine der amüsantesten Figuren, die wir haben, ein leider aussterbender Typ Narzisst, den man am liebsten sofort unter Denkmalschutz stellen würde. Wer außer ihm trägt denn noch Sockenhalter und weiß um die Schönheit von Messerbänkchen aus Elfenbein? Natürlich leidet auch er unter dem Künstlersyndrom aus infernalischem Größenwahn und quälenden Minderwertigkeitskomplexen, aber warum sollte man ihm deshalb böse sein? Für einen Interviewer gibt es kaum etwas Schöneres als einen sich prachtvoll spreizenden Pfau oder einen Menschen, der haarklein begründet, warum er sich für den Auswurf der Welt hält.

Hat Sie einer von Raddatz‘ vielen bemerkenswerten Sätzen auch nach dem Interview noch beschäftigt?
Nein. Mein Gedächtnis ist ein Sieb, in dem wenig hängen bleibt. Das hat neben unzähligen Nachteilen den Vorteil, dass mir Vieles neu vorkommt und ich entsprechend neugierig bin.

Gab es in dem Gespräch eigentlich mal etwas zu lachen? Der Interviewtext wirkt nicht so.
Richtig. In den drei Stunden wurde kein einziges Mal gelacht.

Dass Sie für das Interview ausgezeichnet wurden, begründet die Jury des Reporter-Forums unter anderem damit, dass Sie die „Selbstinszenierung des Interviewten unterlaufen“ hätten. Was bedeutet das?
Raddatz wollte sich als gelangweilter Dandy inszenieren. Diese Pose war schnell verpufft.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Posen von Stars zu unterlaufen?
Ich war Ende der 1980-er Jahre als Praktikant dabei, als mein damals schon berühmter Kollege Matthias Matussek für den Stern eine Geschichte über Wetten, dass…? recherchierte. Bei der Generalprobe standen in der Saalmitte Stars wie Mike Krüger, The Mamas and the Papas und Thomas Gottschalk. Matussek baute sich vor ihnen auf und rief im Kasernenhofton: „Matussek! Wer von Ihnen ist dieser Gottschalk?“ Zu meiner grenzenlosen Überraschung war Gottschalk sehr angetan: Endlich mal ein interessanter Journalist!

Diese Strategie ist clever?
Die Strategie muss zur Person passen, aber Matussek hatte schon recht: Wer auf andere interessant wirkt, bekommt in der Regel auch interessante Antworten. Wenn Sie als verdruckste graue Maus in den Raum kommen, denkt Ihr Gegenüber: Oh mein Gott, wie bringe ich mit dieser Flachpfeife bloß die nächste Stunde rum?

 

„Ich würde kein Interview geben ohne, es gegenlesen zu können. Der Grund ist, dass es Interviewer gibt, die ihr Handwerk nicht können.“

 

Wollte Raddatz Ihren Interviewtext autorisieren?
Beim SZ-Magazin muss jedes Interview schriftlich autorisiert werden, auch wenn der Interviewte gar keinen Wert darauf legt. Auf diese Weise wird verhindert, dass Stars hinterher in Talkshows Entrüstung mimen und sagen: „Was, das soll ich diesem Journalisten gesagt haben? Niemals!“

Die meisten Journalisten meinen, Autorisierungen machten Interviewtexte kaputt.
Das kann passieren. Ein berüchtigtes Beispiel ist Marius Müller-Westernhagen. Der tut gern so, als sei er ein lässiger Rockstar und gibt Ihnen couragierte Antworten. Bei der Autorisierung streicht er dann alles, was lesenswert ist. Wenn Sie ihn dann zur Rede stellen wollen, lässt er sich von seiner Entourage verleugnen. Solche Opportunisten können einem schon mal die Laune verderben.

Wie hat sich Raddatz angestellt?
Er hat zwei Adjektive ausgewechselt und mir ein Fax geschickt. Auf dem stand nur ein einziger Satz: „Fasten seat belts.“

Sind Sie dafür, Autorisierungen abzuschaffen?
Ich würde kein Interview geben ohne die schriftliche Zusicherung, es gegenlesen zu können. Der Grund ist, dass es Interviewer gibt, die ihr Handwerk nicht können. Niemand möchte als Knalldepp dastehen, weil ein Journalist nicht in der Lage war, gesprochene Sprache in Schriftsprache zu übertragen.

 

„Wenn man den Interviewten beim Lesen des Interviews nicht sprechen hört, hat der Interviewer schlecht gearbeitet.“

 

In der Verschriftlichung kann ein gutes Gespräch noch ganz schlecht werden und umgekehrt. Wo sind Sie besser: im Gespräche führen oder im Gespräche verschriftlichen?
Sie haben recht, das sind getrennte Disziplinen, aber ich kann beide. Würde ich etwas anderes behaupten, müssten Sie sagen: „Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind Sie gar nicht.“

Worauf kommt es beim Verschriftlichen an?
Auf die Dramaturgie und auf den Sound. Wenig charakterisiert Menschen mehr, als der Duktus und Klang ihrer Sprache. Wenn man den Interviewten beim Lesen des Interviews nicht sprechen hört, hat der Interviewer schlecht gearbeitet. Das Gleiche gilt, wenn das Interview nicht mühelos zu lesen ist.

Es gibt sogar Journalisten, die denken, dass der Text so geschrieben sein muss, wie die Worte gesprochen wurden.
Das ist Dummheit oder Faulheit, denn niemand von uns spricht druckreif.

Den Ton eines Redners zu verschriftlichten, ist anspruchsvoll und erfordert viel Feingefühl. Woher haben Sie das?
Romane zu lesen ist ein gutes Training, um für Stimmfälle und Tonlagen empfindlich zu werden. Ich war ein paar Jahre lang Theaterredakteur. Wahrscheinlich gibt es keine bessere Übung, als im Dunkeln zu sitzen und aus Stimmen Charaktere zu erschließen.

Haben Sie Ihre Ziele im Interview mit Fritz J. Raddatz erreicht?
Ja. Er hat mehr von sich gezeigt, als ich erwartet hatte. Er bestätigt die Regel, dass man sich vor alten Menschen in acht nehmen muss. Sie sagen die Wahrheit, weil sie keine Angst mehr um ihr Fortkommen haben müssen.

Sie haben für das Gespräch den Reporterpreis bekommen. Wozu braucht es den, Herr Michaelsen?
Ein gelungenes Interview ist ein Porträt in Frage-Antwort-Form. Und wenn es Preise für Porträts gibt, muss es auch Preise für Interviews geben.

 

„Wer es nicht schafft, die Luft aus seinem Ego zu lassen, sollte keine Interviews führen.“

 

Viele Journalisten handeln das Interview unter dem Motto „Schwätzen kann jeder“.
Wer so denkt, ist ein Vollidiot. Es fallen einem viel mehr gute Porträt- und Reportageschreiber ein als gute Interviewer.

Warum?
Porträt- und Reportageschreiber können in ihren Texten ihr Ego aufs Schönste zum Leuchten bringen. Der gute Interviewer dagegen verschwindet hinter seinen Fragen und überlässt die Bühne dem Befragten. Der Grund ist ganz einfach: Es kann immer nur ein großes Ego im Raum geben. Wer es nicht schafft, die Luft aus seinem Ego zu lassen, sollte keine Interviews führen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Sven Michaelsen, 1958 in Hamburg geboren, studierte Literatur und Geschichte, absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule und war anschließend zwanzig Jahre lang Reporter und Autor beim Magazin Stern. 2006 wurde er Chefreporter von Vanity Fair, seit 2008 schreibt er für das SZ-Magazin. Michaelsen ist Autor der Bücher Starschnitte (2006), Wendepunkte (2012) und Ist Glück Glückssache? (2012). Sein Markenzeichen sind Interviews mit Promis, insbesondere portraitierende Gespräche mit Leit- und Streitfiguren aus Kultur und Entertainment. Der 56-Jährige ist mit der Schriftstellerin und Journalistin Ildikó von Kürthy verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.

Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.