Hochschulprojekt à la Galore

„Mehr Interviewpraxis geht nicht“

Im Studiengang Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal wird in wenigen Tagen die dritte Ausgabe des Interviewmagazins Inter.Vista veröffentlicht. Das ist zwar ein Lehrprojekt, hat jedoch Profi-Qualität. Im Fokus stehen Persönlichkeiten mit starkem Bezug zur Stadt Magdeburg. Der verantwortliche Journalismusdozent Dr. Uwe Breitenborn im Interview mit Mario Müller-Dofel über praktisches Lernen, prominente Interviewpartner, stille Beobachter, gute Interviewer und das Magazin-Vorbild Galore.

Im Mai 2017

Galore - Hochschule Magdeburg-Stendal - Inter.Vista
Der Kopf hinter der Magazin-Idee: Hochschuldozent Dr. Uwe Breitenborn (Foto: Hochschule Magdeburg-Stendal)

Mario Müller-Dofel: Herr Breitenborn, ein so umfassendes Interviewprojekt ist untypisch für die journalistische Ausbildung. Haben Ihre Studenten eine besonders intensive Interviewlehre nötig oder braucht Magdeburg unbedingt ein Interviewmagazin?
Uwe Breitenborn: (Lacht) Sagen wir so: Unsere Studenten genießen dieses intensive Projekt. Und Magdeburg sieht, dass es Inter.Vista gebrauchen kann. Wir bekommen viel Anerkennung; sogar Medien wie die Magdeburger Volksstimme haben schon darüber berichtet.

Wäre ein so großes Interviewprojekt nicht eher dort zu verorten?
Natürlich stände es auch einer Zeitungsredaktion gut zu Gesicht. Aber dafür fehlen oft die Kapazitäten.

Sie haben das Magazin erstmals im Wintersemester 2015/16 initiiert. Warum eigentlich?
Weil Interviews als journalistische Stilform oft stark unterschätzt werden, weil die Studentinnen und Studenten ihre Fähigkeiten in Sachen Gesprächsführung bei diesem Projekt praxisnah professionalisieren können und weil aus ihrem Engagement ein echtes Produkt entsteht. Mehr Interviewpraxis geht nicht. Last but not least bin ich schon lange ein Fan des Interviewmagazins Galore und dachte, dass so ein Magazin auch toll für Magdeburg wäre.

Inter.Vista ist eine Kopie von Galore?

Nein, es ist keine Kopie von Galore. Inter.Vista ist regional ausgerichtet statt kosmopolitisch, schwarz-weiß statt bunt gestaltet und anders gelayoutet als Galore. Aber vergessen wir nicht: Es geht nicht darum, die Welt neu zu erfinden, sondern die Studenten mit maximalem Praxisbezug hochmotiviert lernen zu lassen.

 

„Wir wollen uns selbst und die Leser so nah wie möglich an die Interviewten heranbringen.“

 

Gesprächsführung können Ihre Studenten auch lernen, wenn sie Hintergrundgespräche für Porträts oder Reportagen führten.
In einer Reportage erzählt vor allem der Autor. Inter.Vista lässt die Interviewten erzählen. Wir wollen uns selbst und die Leser so nah wie möglich an die Interviewten heranbringen.

Galore - Hochschule Magdeburg-Stendal - Inter.Vista
Inter.Vista-Ausgabe 1: Vom Onlineprojekt zum Printprodukt
(Foto: Hochschule Magdeburg-Stendal)

Wie finanzieren Sie dieses Projekt?
Solange wir das Magazin nur online veröffentlichen, haben wir kaum Kosten. Wenn wir es drucken, helfen uns Anzeigenerlöse, Gelder aus dem Lehrbudget oder kleine Zuschüsse zum Beispiel vom Studierendenrat der Hochschule. Nachdem wir schon die ersten beiden Ausgaben in kleinen Auflagen drucken konnten, wird dies wohl auch bei der dritten klappen.

Wann erscheint Ausgabe 3?
Zwischen Mitte Mai und Ende Mai.

Wie viele Interviews bekommen die Leser darin?
Jede Ausgabe soll 15 bis 18 Interviews haben. Damit kommen wir auf insgesamt 140 bis 150 Magazinseiten. Ausgabe 3 beinhaltet 18 Interviews.

Wie viele Stunden Arbeit stecken durchschnittlich in einem Inter.Vista-Interview?
Ich veranschlage bis zu 30 Stunden für AnbahnungVorbereitung, Vor-Ort-Termin, Verschriftlichung, Lektorat, Fotos und Layout – also etwa 540 Stunden für die Interviews einer Ausgabe.

Auf welche Interviewpartner in Ausgabe 3 sind Sie besonders stolz?
Zum Beispiel auf Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch. Die Zahl der prominenten Gesprächspartner ist übrigens von Ausgabe zu Ausgabe höher geworden. Insgesamt lebt Inter.Vista aber von der Vielfalt der Interviewten und vom Tiefgang der Gespräche. So haben die Studentinnen und Studenten für die dritte Ausgabe auch einen Rechtsmediziner, eine Sopranistin, einen Feuerwehrmann, den Zoodirektor, Künstler und Unternehmer und andere interviewt.

Wie viele Köpfe zählt die Studentenredaktion?
Im Idealfall sind es 15. Wir müssen ja alle Funktionen besetzen, die eine Zeitungsredaktion auch hat: Chefredaktion, Art Direktion, Layout, Bildredakteure, Korrektorat et cetera.

Wie entscheiden Sie, wer interviewt?
Jeder Projektteilnehmer muss mindestens zwei Interviews führen. Hinzu kommen die sogenannten Gruppeninterviews – meist mit besonders prominenten Gesprächspartnern.

Gruppeninterviews? Sitzt dann der Ministerpräsident 15 Interviewern gegenüber?
Nicht 15 Interviewern. Es interviewen bei diesen Gruppeninterviews zwei Studenten im Beisein der Gruppe. Vorbereitet werden diese Gespräche aber immer von der gesamten Gruppe – und die sitzt dann auch im Interviewraum. Die nicht interviewenden Studenten beobachten die Interviews schweigend und geben den Interviewern später umfassend Feedback.

 

„Stille Beobachter an der Seitenlinie erkennen oft mehr Details bezüglich der Gesprächsdynamik als die involvierten Interviewer.“

 

Warum ist Feedback wichtig?
Weil stille Beobachter an der Seitenlinie oft mehr Details bezüglich der Gesprächsdynamik erkennen als die involvierten Interviewer. Und die Interviewer haben wegen der öffentlichen Situation natürlich noch einmal mehr Druck, sich richtig gut vorzubereiten.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Interviewer aus?
Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung. Es ist wichtig, auch Details über Gesprächspartner zu wissen – etwa, was jemand vor Jahren zu einem Thema gesagt hat. Zudem hören gute Interviewer sehr gut zu, was den Studenten oft gar nicht so leicht fällt. Gezieltes Nachfragen setzt jedoch genaues Zuhören voraus. Und ein dritter Punkt: Gute Interviewer sind stark interessiert an ihren Gesprächspartnern und zeigen dies auch. Wenn die Befragten ehrliches Interesse spüren, sind sie oft eher bereit sich zu öffnen.

Hadern Sie auch mal mit den Interviews Ihrer Studenten?
(Überlegt) Das kann passieren, wenn sie etwa nach besonders interessanten Antworten nicht nachhaken, sondern zu stark an ihrem Fragenkatalog hängen.

Galore - Hochschule Magdeburg Stendal - Inter.Vista
Cover-Idee: Warum nicht mal ein Profil zeigen? (Foto: Hochschule Magedburg-Stendal)

Was macht Ihrer Ansicht nach einen guten Interviewten aus?
Dass er etwas Besonderes zu erzählen hat. Dann ist es sogar zweitrangig, ob er besonders witzig, intelligent, reich oder prominent ist. Die Studenten müssen ihre Interviewvorschläge gegenüber der Gruppe sehr gut begründen.

Lassen Sie die Interviewtexte autorisieren, nachdem sie fertiggeschrieben sind?
Ja. Die Autorisierung gehört dazu und ist nur fair, weil wir die Gespräche ja redaktionell stark bearbeiten müssen.

Und was erleben Sie bei der Autorisierung? Viele Journalisten würden sie am liebsten abschaffen, weil ihrer Ansicht nach die meisten Befragten die Interviewtexte nur verschlimmbessern.
Meist machen wir gute Erfahrungen. Aber ich gebe zu: Insbesondere mit Personen, die viel in der Öffentlichkeit stehen, gibt es schon mal etwas mehr Verhandlungsbedarf.

Manche Interviews Ihrer Studenten schaffen es nicht ins gedruckte Magazin und erscheinen nur online oder gar nicht. Wer ist dann mehr enttäuscht: die Studenten oder die Interviewten?
Jeder weiß vorher, dass nur ein Teil der Interviews im Heft landen kann, weshalb sich die Enttäuschung in Grenzen hält. Bislang erleben wir auch da Professionalität auf beiden Seiten. Insgesamt haben wir bisher über 80 Interviews durchgeführt.

 

„Der Job des Interviewers ist, Geschichten heraus zu kitzeln.“

 

Der Top-Interviewer André Müller († 2011) hat einmal gesagt: „Das Niveau eines Interviews hängt immer am Interviewer, nicht am Interviewten.“ Wie sehen Sie das?
Genauso. Jeder Gesprächspartner hat Geschichten zu erzählen. Und sie heraus zu kitzeln, ist der Job des Interviewers.

Kann diesen Job jeder?
Ich glaube: Das Interviewhandwerk kann jeder lernen. Wer dazu noch überdurchschnittlich viel Kommunikationstalent hat, dem fällt das leichter.

Wie viele Inter.Vista-Ausgaben sind noch geplant?
Geplant ist eine Ausgabe pro Semester. Wir haben aber kein Ziel, wie viele es insgesamt werden sollen, sondern schauen von Semester zu Semester. Wenn Inter.Vista weiterläuft, müssen wir wohl bald mal monothematische Schwerpunkte setzen. Unser Publikationskonzept sowie der regionale Bezug sollen aber bleiben.

Gibt es einen Interviewpartner, den Sie unbedingt für Inter.Vista gewinnen möchten, der sich aber noch ziert?
Da fällt mir sofort unsere Magdeburger Handballikone Stefan Kretzschmar ein. Doch wir sind ehrgeizig. An ihm bleiben wir dran.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Uwe Breitenborn ist Medien- und Kulturwissenschaftler und Publizist. Seit 2014 hat er die Vertretung der Professur Online-Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal inne. Zuvor war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Kommunikation und Medien der Hochschule Magdeburg-Stendal sowie Studiengangskoordinator (MA Online-Radio) an der Martin-Luther-Universität Halle. Bis 2008 arbeitete er als Dokumentar und Koordinator beim Deutschen Rundfunkarchiv Babelsberg. Breiteborn ist Autor zahlreicher Publikationen zur Mediengeschichte, zur Kulturwirtschaft und regelmäßiger Buchrezensionen unter anderem für TV-Diskurs.

 

Das Gespräch führte Mario Müller-Dofel. Er ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.