Interviews mit Unternehmenschefs

Wie Wirtschaftsjournalisten ticken

Wo Journalisten für Interviews mit Unternehmenschefs recherchieren, an welchen Orten sie am liebsten interviewen und wie sie zur Interviewautorisierung stehen, hat eine Umfrage in Deutschland und weiteren 13 Ländern Europas untersucht

Von Mario Müller-Dofel*, im Mai 2014

Mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsjournalisten ist einverstanden damit, nach Interviews mit Unternehmenschefs die Zitate erst mit dem Unternehmen abzustimmen und dann zu veröffentlichen (CEO: Abkürzung für Chief Executive Officer, engl. Bezeichnung für Vorstandschef). Und ein Viertel der deutschen Journalisten würden auch vollständige Texte autorisieren lassen. Das sind zwei von vielen interessanten Ergebnissen einer Studie, für die das Public Relations Global Network (PRGN) 165 Wirtschaftsjournalisten in 14 europäischen Ländern befragen ließ. Ziel des PR-Agentur-Netzwerks war es, Recherchegewohnheiten und innere Einstellungen von Wirtschaftsjournalisten in Bezug auf Interviews mit Unternehmenschefs offenzulegen. Dabei zeigten sich von Land zu Land teils deutlich unterschiedliche Ergebnisse. Die wichtigsten:

Bevorzugten Recherchequellen für Interviews mit Unternehmenschefs

71 Prozent der befragten deutschen Wirtschaftsjournalisten nannten Geschäftsberichte und bereits erschienene Medienberichte als wichtigste Recherchequellen. Der europäische Schnitt liegt hier bei 60 Prozent. Besonders wenig von diesen Quellen zwei halten offensichtlich dänische Journalisten. Nur rund 50 Prozent favorisieren sie. Dagegen lag die Quote bei den befragten niederländischen Kollegen bei 100 Prozent. Ebenfalls interessant: Laut Umfrage sind für 100 Prozent der französischen Wirtschaftsjournalisten Pressemitteilungen von Unternehmen besonders bedeutsam bei der Interviewvorbereitung.

Interviews mit Unternehmenschefs - Wirtschaftsjournalist
Jahresberichte: Für deutsche Wirtschaftsjournalisten die wichtigste Recherchequelle, bevor sie Firmenchefs interviewen (Foto: dilham/Fotolia.com)
Sogenannte soziale Medien werden von Wirtschaftsjournalisten für die Interviewvorbereitung noch relativ selten benutzt. Und wenn, dann ist Twitter das wichtigste Medium. Der Kurznachrichtendienst kam hierzulande auf 42 Prozent der Nennungen. Der europäische Durchschnitt liegt bei 50 Prozent, wobei vor allem Briten (89 Prozent) ihn zu lieben und Belgier (20 Prozent) ihn meiden.

Favorisierte Orte für Interviews mit Unternehmenschefs

Auf die Frage nach bevorzugten Intervieworten nannten 79 Prozent der befragten deutschen Wirtschaftsjournalisten den Unternehmenshauptsitz oder einen Produktionsstandort der Firma. Nur die Hälfte bevorzugt das Telefon für Interviews mit Unternehmenschefs. Und gerade einmal ein Viertel der befragten Deutschen findet schriftlich formulierte Antworten auf vorher schriftlich übermittelte Fragen am besten.

Allerdings stehen sogenannte E-Mail-Interviews offensichtlich in Polen hoch im Kurs: Bemerkenswerte 45 Prozent der befragten polnischen Wirtschaftsjournalisten favorisieren diese Art. Briten und Dänen interviewen am liebsten telefonisch, das gaben jeweils alle Befragten an. Und französische Wirtschaftsjournalisten führen Interviews mit Unternehmenschefs am liebsten in einer Bar, einem Restaurant oder an einem anderen öffentlichen Platz (88 Prozent). Ähnlich beliebt sind Orte, an denen man gemütlich essen und trinken kann, auch bei spanischen Wirtschaftsjournalisten.

Absolute „No Go’s“

Danach befragt, was bei Interviews mit Unternehmenschefs völlig unakzeptabel sei, nannten 96 Prozent der deutschen Journalisten inhaltlose, unkonkrete Antworten. Für 88 Prozent sei Arroganz das Schlimmste. Und 79 Prozent können es überhaupt nicht leiden, wenn Unternehmenschefs kritischen Fragen ablehnen.

Im europäischen Schnitt setzte sich Arroganz (75 Prozent) als übelstes „No Go“ durch. Dagegen finden offensichtlich nur 62 Prozent der Befragten es verpönt, wenn der Interviewpartner Plattitüden absondert.

Störrische Briten und Südeuropäer

Was die anfangs erwähnte Abstimmung von Zitaten und ganzen Texten angeht, bleibt noch zu erwähnen, dass Wirtschaftsjournalisten aus Großbritannien und Südeuropa dazu weit weniger bereit sind als die Kolleginnen und Kollegen in Mittel-, Ost- und Nordeuropa.

Die vollständige Studie finden Sie hier.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.