Roger Willemsen: Politische Rhetorik seziert

Politische Rhetorik - Roger Willemsen

Wahrscheinlich gibt es mit keiner Berufsgruppe mehr Interviews als mit Politikern. Und was sind sie wert? Sehr viele Antworten enthalten zu viel Geschwurbel, zu viele Phrasen. Nur wenige Politiker sind echte Klartexter. Bei Politikern der Regierungsparteien sind es noch weniger als bei Oppositionellen. Logisch. Wer sich mit politischer Rhetorik näher befassen möchte, sollte „Das Hohe Haus“ von Roger Willemsen († 2016) lesen. 

Von Mario Müller-Dofel, im August 2017

Der vielfach ausgezeichnete Buchautor, TV-Regisseur und -Produzent  saß ein Jahr lang (2013) in jeder Sitzungswoche im Deutschen Bundestag. Aber nicht als Abgeordneter, sondern als Zuschauer auf der Besuchertribüne des Deutschen Reichstags.

Eigenlob und Verunglimpfung im politischen Kasperltheater

Zuerst ging es ihm dabei um eine hautnah erlebte Zustandsbeschreibung des Parlaments (die leider kein Kompliment für unsere Abgeordneten ist). Aus interviewspezifischer Sicht ist das Buch interessant, weil es für die politische Rhetorik in unserem Land sensibilisiert, die auch in hunderten Politikerinterviews pro Tag zu hören ist. Zitat Roger Willemsen:

„Seinen schlechten Ruf verdankt der Politiker auch der Tatsache, dass er, als Massen-Individuum auftretend, wenig von dem hat, was man am Einzelmenschen schätzt. … Sowenig er zurückscheut vor Exzessen des Eigenlobs, so wenig blamiert ihn jede denkbare Verunglimpfung des Gegners. Der Abgeordnete ist nicht demaskierbar, auch nicht durch die Wahrheit. Denn solange er seine Funktion für Partei und Fraktion erfüllt, sind rhetorisch fast alle Mittel erlaubt. So entwickeln sich die Abgeordneten allmählich zu Charaktermasken. Wie die handelnden Personen im Kasperltheater erfüllen sie die Auflagen ihrer Rollen-Charaktere: Gretel, Polizist, Teufel, Hanswurst, Krokodil.“

Simulierte Volksnähe rhetorisch verpackt

Und weiter, noch spezifischer: „Im Arsenal der rhetorischen Werkzeuge stecken die immer gleichen Werkzeuge: Zitate aus der Vergangenheit, der Vorwurf mangelnden Sachverstands, des Selbstwiderspruchs, der Weltfremdheit, der Heuchelei, der Inkonsequenz, der Unredlichkeit, des Opportunismus; der Missachtung des Stils, des Parlaments, ganz Europas; das Zitieren von Gerichtsbeschlüssen, Leitartikeln, Talkshows; der Vorwurf der Amoral, der niederen Beweggründe, der Vetternwirtschaft, des Verhaarens im ewig Gestrigen, der Missachtung der Gesetze, der Blockade im Bundesrat, des Widerspruchs um jeden Preis, des Wankelmuts. Als Bindemittel wird Volksnähe simuliert, Zitate aus der Geistgeschichte werden als Furnier verklebt, und das alles wird schließlich wie im Eiskunstlauf nach Küruz und Pflicht absolviert und mit Haltungsnoten belohnt.“

Auch deshalb gehören Politiker und Politikerinnen zu den schwierigsten Interviewpartnern. Bleibt den Interviewern zu wünschen, dass sie sich nicht allzu leicht ins Bockshorn jagen lassen – und den Politikern, dass sie mal auf einen Interviewtrainer treffen, der die Volksnähe und Aufrichtigkeit hat, die es braucht, um ihnen eine glaubwürdige politische Rhetorik zu vermitteln. Auf alles-ueber-interviews.de übrigens würden sie fündig.

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament
5. Auflage, S. Fischer Verlag, 2016, 430 Seiten, 11,30 Euro (Taschenbuch)