Die Erfolgsformel von Stephan Lamby VOR dem Interview mit Helmut Kohl

Interviewpartner + Gemeinsamkeiten = Vertrauen

Am 16. Juni 2017 starb Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl. Sein letztes großes TV-Interview gab er 14 Jahre früher – im Jahr 2003. Und es dauerte vier Tage. Sein Interviewer, der preisgekrönte Dokumentarfilmer Stephan Lamby, erinnert sich an sein Interview mit Helmut Kohl. Für anspruchsvolle Interviewer ist der Rückblick lehrreich.

Von Mario Müller-Dofel*, im August 2017

Stephan Lamby - Interview mit Helmut Kohl
Stephan Lamby: Spezialisiert auf lange, tiefgehende Interviews mit Politikern und Wirtschaftsvertretern (Foto: ECO Media)

Stephan Lamby hat auf dbate.de einen Text zum Interview mit Helmut Kohl verfasst und das Gespräch, das er für den NDR geführt hatte, dort auch in sechs Teilen veröffentlicht. Sie können es also auf dbate.de sehen. Hier, auf alles-ueber-interviews.de, möchten wir auf Lambys Erinnerungstext zum Interview mit Helmut Kohl eingehen.

Lamby reißt im Text das für gute Interviews so wichtige Warm up an einem Abend im Vorfeld der Interview- und Dreharbeiten mit Helmut Kohl an. Er schreibt: „Der Abend war geplant als Abklopfen, als Versuch herauszufinden, ob er uns vertrauen kann.“

In der kommunikativen Dialektik wird dieser Prozess übrigens Kontaktvergewisserung genannt. Die Gesprächspartner vergewissern sich in dieser Anfangsphase der direkten Kommunikation, wie sie mit dem jeweils anderen „können“, um ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Im Kern geht es darum, welches Empfinden in Kopf und Bauch überwiegt: Vertrauen oder Misstrauen. Überwiegt ersteres beim Interviewten, wird er sich dem Fragenden gegenüber normalerweise mehr öffnen und ihm wohlgesonnener begegnen, als wenn das Misstrauen überwiegt.

Gemeinsamkeiten wirken vertrauensbildend. Diesem Prinzip konnte sich selbst Helmut Kohl nicht entziehen.

Dass so ein „Abklopfen“ mit bestimmten Persönlichkeiten auch schiefgehen kann, weiß Stephan Lamby als erfahrener, tiefgehender Interviewer natürlich. Und als Kohl im Vorgespräch zunächst anfing, zunächst ihn zu befragen, beschwor Lamby sich im Geiste: „Jetzt bloß keine falschen Antworten.“ Kohl fragte, wo Lamby aufgewachsen ist. „Die Frage“, schreibt Lamby, „war für Kohl von größter Bedeutung. Die regionale Herkunft half ihm, einen Menschen einzuordnen.“ Als Lamby antwortete: „In Bad Godesberg“, freute der Altkanzler sich. Denn, so schreibt der Interviewer weiter: „Bad Godesberg ist Rheinland, Ludwigshafen-Oggersheim ist Rheinland. Wer aus dem Rheinland kommt, kann kein ganz schlechter Mensch sein.“ WOW!

Stephan Lamby - Interview mit Helmut Kohl
Lamby in action: Hier bei den Dreharbeiten zu seiner Dokumentation „Die nervöse Republik“ (2017) mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (Foto: ECO Media, NDR, RBB)

Als nächstes wollte Kohl wissen, welche Schule Stephan Lamby in seiner Kindheit besuchte. Antwort: „Jesuitisches Jungen-Gymnasium“. Wieder ein Türöffner, ein Volltreffer geradezu, schließlich war auch Kohl ein Katholik. Und so widmete Kohl sich laut Lamby zufrieden der Nachspeise und verzichtete auf für Lamby heikle Fragen. „Er wollte vertrauen“, schreibt der Journalist.

Hier zeigt sich wieder einmal die herausragende, positive Wirkung von Gemeinsamkeiten bzw. Ähnlichkeiten für das Sympathieempfinden, die Sozialpsychologen längst auch wissenschaftlich belegt haben. So schreibt der US-amerikanische Psychologieprofessor Robert B. Cialdini: „Wir mögen Leute, die uns ähnlich sind. Dies gilt anscheinend unabhängig davon, ob die Ähnlichkeit im Bereich von Meinungen, Charaktereigenschaften, Herkunft oder Lebensstil liegt. Diejenigen also, die unsere Sympathie gewinnen wollen, um uns dann leichter zu etwas überreden zu können, erwecken am besten den Eindruck, uns in möglichst vieler Hinsicht ähnlich zu sein.“

Stephan Lamby „überredete“ den ausgebufften Medienprofi Helmut Kohl mit Hilfe seiner Herkunft und Religion. Es ging kaum anders, denn Kohl hatte ihn danach gefragt. Und so stimmte Kohl sowohl dem Interview als auch den Dreharbeiten in seinem Haus in Oggersheim zu – „ohne Anwalt, ohne Vertrag. Ein Handschlag reichte“, wie Lamby schreibt. Na klar, Lamby konnte schließlich kein schlechter Mensch sein. Besser hätte das „Abklopfen“ für ihn nicht ausgehen können (zumal er Kohls Sympathie im weiteren Verlauf des Vorgesprächs nicht mehr verspielt hat). Auf diese gelungene Basis konnte Lamby sein Interview setzen.

Und die Moral von der Geschicht: Verschweige Gemeinsamkeiten nicht

Eine andere Anekdote, weil sie hier so gut passt: Kürzlich veröffentlichte Tim Farin, Co-Initiator von Alles-über-Interviews, eine ähnliche Warm-up-Erfahrung. Er hatte im Vorfeld der Tour de France den australischen Mitfavoriten Richie Porte interviewt. Hier war die eisbrechende Gemeinsamkeit ein Paar australische Stiefel, die Tim trug. Welch eine Fügung, dass Richie Porte aus der Nähe des Stiefelherstellers stammt. Aber lesen Sie Tims Erfahrung mit Richie Porte selbst.

Und die Moral von der Geschicht: Verschweige Gemeinsam- und Ähnlichkeiten nicht. Oft sind sie ein vertrauensbildendes Element, das Menschen dazu veranlasst, offener miteinander umzugehen, als sie es ohne die Gemeinsamkeit vermocht hätten. Recherchieren Sie vor Interviews, bei denen Sie sich das Vertrauen des Befragten erst erarbeiten müssen, eventuell Verbindendes. Und dann nutzen Sie es frühestmöglich, um Vertrauen aufzubauen.

Und mindestens genauso wichtig: Rechtfertigen Sie das Vertrauen Ihrer Gesprächspartner auch im weiteren Interviewprozess – durch eine ethisch verantwortungsvolle Haltung.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.