Image von Journalisten: Der hohe Preis der Ignoranz

Über das Image von Journalisten und den Umgang damit

Die Mehrheit der Deutschen geringschätzt und misstraut Journalisten. Das beeinträchtigt die Qualität unserer Interviews, Recherchegespräche und Publikumsbeziehungen. Dennoch ignorieren wir das schlechte Image von Journalisten. Aus Selbstgefälligkeit?

Von Mario Müller-Dofel*, im April 2014

Image von Journalisten - Interviews führen
Augen zu und durch: Journalisten stellen sich gern blind, wenn es um ihr schlechtes Image geht. (Foto: Light Impression/Fotolia)

Vor ein paar Wochen veröffentlichte das Marktforschungsinstitut GfK seine Studie „Trust in Professions“. Ein Ergebnis: 37 Prozent der Deutschen vertrauen Journalisten. Oder anders herum: 63 Prozent der Deutschen misstrauen uns. Damit landeten wir im Vertrauensranking auf Platz 29 von 32 abgefragten Berufen. Viertletzter! Leider war das zu erwarten, da die „Allensbacher Berufsprestigeskala“ und diverse Hochschularbeiten seit vielen Jahren belegen, dass die Öffentlichkeit von Journalisten reichlich wenig hält.

Kreative Bilanzschönung

Wie die Branche mit den schallenden Ohrfeigen der eigenen Kundschaft umgeht, zeigt einmal mehr die Berichterstattung über die GfK-Studie: In den meisten Redaktionen wurde und wird das miese Image von Journalisten entweder stur ignoriert oder online unter den Teppich gekehrt. So stieg Spiegel online in einen Text über die Studie mit dem Imageproblem der „Banker“ ein, obwohl die so bezeichnete Berufsgruppe zwei Plätze vor „Journalisten“ liegt. Auch danach keine Rede von unsereinem. In der zum Text gehörenden Bildergalerie tauchen wir immerhin auf – gleich nach „Politikern“ und „Versicherungsvertretern“, denen, so der Bildtext, „nur die wenigsten vertrauen“. Und unter dem Journalistenbild steht: „Besser als Versicherungsvertreter schneiden Journalisten ab.“ Das ist kreative Bilanzschönung.

Noch schöner hakt der (preisgekrönte) Medienredakteur Rainer Stadler von der Neuen Züricher Zeitung das miese Image von Journalisten ab: „Wegen solcher Umfragen hat man keinen Anlass, Trübsal zu blasen“, bloggt er und liefert eine Verklärung dazu, die sich bei allem Respekt als selbstgefällig interpretieren lässt.

Besser als Versicherungsvertreter, kein Anlass für Trübsal: Dann ist ja alles gut, könnte man meinen, also weitermachen wie bisher. Doch unser Image ist verheerend, weil es den Job und Erfolge erschwert. Besonders negativ wirkt sich das verbreitete Misstrauen bei Recherchegesprächen und Interviews aus. Und die gehören in allen Mediengattungen zur Jobgrundlage. Doch welcher Gesprächspartner kann einem Journalisten gegenüber schon ehrlich sein, wenn er ihm misstraut? Eine halbwegs offene Kommunikation braucht Vertrauen, ansonsten wird sie zum Kampf um versteckte Interessen – verfälscht, verlogen, mit hinterlistiger Freundlichkeit.

Dringend nötig: Selbstkritik

Diese versteckte Kommunikation kritisieren Journalisten an ihren Gesprächspartnern häufig zu Recht. Jedoch stünde uns auch Selbstkritik gut zu Gesicht. Allein eine öffentliche Reflexion darüber, warum Selbst- und Fremdwahrnehmung bei Journalisten offensichtlich weit auseinander klaffen, würde schon helfen. Erinnern wir uns: Als 2008 die Finanzkrise ausbrach, sagten laut Allensbach nur elf Prozent der Befragten in Deutschland, dass sie Journalisten achten und schätzen. Im Jahr 2011, nachdem insbesondere Politik- und Wirtschaftsjournalisten eingeräumt hatten, vor der Finanzkrise zu unkritisch über das Finanzsystem berichtet zu haben, stieg der Prestigewert auf zuvor lange unerreichte 17 Prozent.

Seither ist er wieder gefallen. Dazu passt eine Studie des Erich-Brost-Instituts, die deutsche Medienmacher im europäischen Vergleich als Schlusslicht in Sachen Kritikkultur sieht: Mehr als ein Drittel der befragten deutschen Journalisten kritisiert nie oder fast nie andere Journalisten, und zwei Drittel werden von Kollegen oder Vorgesetzten nie oder fast nie kritisiert. „Obwohl deutsche Journalisten regelmäßig Politiker und Manager in die Mangel nehmen, sind sie unerfahren darin, den kritischen Blick auf sich selbst zu richten“, resümieren die Studienautoren. Wenn es zu Kritik kommt, dann vor allem zwischen Online- und Printredakteuren. Und die mutiert in den Redaktionen auch noch zu destruktiver Rivalität. Das ist auch deshalb fatal, weil konstruktiver Dissens nachweislich motivierend und qualitätsfördernd wirkt.

Schirrmacher macht’s vor

Jeder von uns kennt Menschen, für die Selbstkritik ein Fremdwort ist. Von denen ziehen wir uns irgendwann zurück, verlieren vielleicht sogar den Respekt vor ihnen. Gut möglich, dass die Branche einen solchen Rückzug nicht nur in der Kommunikation mit Interview- und anderen Gesprächspartnern zu spüren bekommt, sondern auch in Form sinkender Nachfrage bei vielen journalistischen Formaten. Das wäre ein hoher Preis für die Ignoranz unseres Imageproblems. Gut, dass es auch Leute wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gibt, der jüngst ZDF-Anchorman Claus Kleber für dessen Interview mit Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser öffentlich die Meinung geigte. Dazu sagte ZDF-Vizechefredakteur Elmar Theveßen bislang kaum mehr, als dass er die Kritik „überhaupt nicht“ teilen würde.

Vor dem schlechten Image von Journalisten darf die Branche nicht länger die Augen verschließen vor dem Imageproblem. Aktionismus bei der Themenauswahl, unausgewogene Themendrehs, Fehleinschätzungen hinsichtlich der Publikumsbedürfnisse und schnell verderbliche Quotes lassen bei einer kritischen Öffentlichkeit den Eindruck entstehen, dass wir Egozentriker sind, die immer nur die nächste Sau durchs Dorf treiben wollen. Dies sollten wir alle zum Anlass nehmen, uns zu hinterfragen und grundlegende Defizite zu analysieren. Zum Beispiel

  • mangelhafte Organisation von Redaktionsabläufen und journalistischen Produkten,
  • kommunikative Schwächen in Chefredaktionen, die Frust in der Belegschaft schüren,
  • zu wenig Anerkennung für Journalisten mit sachdienlichem Diskurswillen,
  • destruktives Management von positiven Konflikten,
  • die Neigung, sich mit geringer handwerklicher und ethischer Qualität zufrieden zu geben und
  • schwach ausgeprägte Alterozentrierung.

Hoffnung macht, dass deutsche Journalisten in der Studie des Erich-Brost-Instituts an erster Stelle bei der Zustimmung zu folgendem Statement liegen: „Die Menschen vertrauen eher solchen Medien, die Korrekturen und Entschuldigungen veröffentlichen.“

Dann korrigieren wir doch endlich! Uns. Öffentlich.

* Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.

 

Do, 03.04.14, 15 Uhr: Feedback zu Euren bisherigen Kommentaren

Wie sieht der Journalist mit Top-Image aus?

Hallo zusammen, als Autor des oben stehenden Beitrags lese ich Eure Kommentare hier im Blog und auf Twitter hoch interessiert, zumal es in der Journalismus-Debatte zuletzt viel darum ging, ob  Journalisten Eure Kommentare ignorieren oder wertschätzen sollten. (Hier gibt es interessante Meinungen dazu.) Ich gebe Euch gerne Wertschätzung zurück – in Form eines ehrlichen Feedbacks:

Zu allererst freue ich mich über Eure Beiträge. Doch die genaue Lektüre dämpft das Gefühl. Der Grund: Ihr drückt überwiegend aus, was Euch im Rückblick an Journalisten und Medien nicht gefällt. Leider liegt es in der Natur des Menschen, dass er sich bei Kritik an vergangenen Verhaltensweisen häufig abwendet (daran kann er eh nichts mehr ändern). Auch deshalb gibt es für rückwärtsgewandte Kritik viel weniger offene Ohren in Redaktionen als für Hinweise dazu, was künftig besser laufen muss. Deshalb meine Frage:

Wie müssen Journalisten und Medien sein, damit Ihr uns ein besseres Image zuschreibt?

Gebt uns etwas, auf das wir hinarbeiten können! Und bitte konkret, denn in unkonkrete Aussagen kann jeder hineininterpretieren, was ihm bequem ist.

Herzlichen Dank!
Mario Müller-Dofel

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