Interviewbuch-Tipp: „Das Ende ist mein Anfang“, Tiziano Terzani

Tiziano Terzani

Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens

Wenn ein Buch zugleich schmerzlich und beglückend wirkt, muss es ein besonderes ein. Und wenn es dann noch ein ein Interviewbuch ist, gehört es auf dieses Portal. Hier geht es um „Das Ende ist mein Anfang. Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens“. Darin spricht Folco Terzani mit seinem Vater Tiziano Terzani, dem großen italienischen Journalisten und Schriftsteller, in dessen letzten Lebenstagen im Jahr 2004. Eine Vorstellung des Buches, Terzanis Journalismuskritik und seines Werdegangs.

Von Mario Müller-Dofel*, im September 2017

"Das Ende ist mein Anfang", Tiziano Terzani
Anfang und Ende: Tiziano Terzani kurz vor seinem Tod im Alter von 66 Jahren im Jahr 2004. Der Bub ist sein Enkel (Cover: DVA)

Ein Rückblick voller Freude

Tiziano Terzani hatte drei Monate vor seinem Tod seinen Sohn Folco, damals 35, per Brief gefragt: „Wie wäre es, wenn wir zwei uns jeden Tag eine Stunde zusammensetzten, Du mich fragtest, was Du schon immer fragen wolltest, und ich Dir frei von der Leber weg erzähle, was mir wichtig ist, von mir und meiner Familie, von der großen Reise meines Lebens?“ Folco fuhr ins toskanische Orsigna-Tal, wo sein Vater auf den Tod wartete, und nahm Abschied. Fragend. Für dieses Buch.

Heraus kam ein wunderbares Gespräch über Gott und die Welt: zum Beispiel über beschränkte Lebensräume, ersehnte Freiheit, brutale Kriege, hartnäckige Wahrheitssuche, Distanz zur Macht, unfähige Politik, menschliche Vielfalt, zerstörerischen Konsumismus, Familienbande und Journalismus. Geschichtliche Fakten, erlebte Anekdoten und persönliche Empfindungen vermischen sich zu einem beeindruckenden „Lebenswerk“ – auch weil der Text leicht lesbar ist. Nie hatte ich das Gefühl, dass die Terzanis zu stark ins Detail gehen würden. Nie dachte ich, sie wären oberflächlich. Immer fühlte ich mich nah bei ihnen, wie auf einem dritten Stuhl. Die zweite Hälfte des Buches verschlang ich ohne Unterbrechung – bis ich geradezu freudig erschöpft ans Ende kam, das auch Tiziano Terzanis Ende war.

Perfekte Stilmittel

Gelungen finde ich die Verschriftlichung der Gespräche auch, weil die wichtigsten Etappen auf Terzanis Reise des Lebens in 34 relativ kurze Kapitel aufgeteilt sind. Dass Tiziano Terzani das journalistische Interview als Stilmittel gewählt hat – ergänzt von seinem Sohn mit kurzen szenischen „Zwischenspielen“ und Beschreibungen dessen, was im Hintergrund der Gespräche passierte –, war ebenfalls eine feinsinnige Idee. Der Leser kann die Gesprächspartner förmlich vor sich sehen. Er riecht den Tee, den Tiziano Terzanis Ehefrau reicht. Er hört Terzanis Enkel Bäucherchen machen. Er leidet mit Terzani, wenn ihm der Bauchschmerz die Stimme raubt. Und er entspannt, wenn der Sterbende sich entspannt.

Die wenigen Fotos aus Terzanis Leben erleichtern das Vorstellungsvermögen noch. Dass der Sohn oft nur vorsichtig, stichwortartig fragt, illustriert dessen Rücksicht auf die körperliche Schwäche des geistig klaren Vaters. Auch dies bringt Atmosphäre in den Text, eine Sanftheit, die etwa den teils erschütternden Kriegsanekdoten wohltuend entgegensteht. Gelernte Fragetechnik braucht es hier nicht, sondern vor allem Empathie.

Ernüchterndes (auch) über den Journalismus

Neben solchen und vielen anderen Schilderungen Terzanis stimmen mich als Absolvent einer renommierten Journalistenschule auch seine Gedanken über die Entwicklung des Journalismus nachdenklich. So sagt er:

„Ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit bestand darin zu lesen, besonders über geschichtliche Themen. … Wer die Fakten von heute nicht in einen größeren Zusammenhang stellt, begreift nichts. … Verstehst du die Geschichte nicht, verstehst du auch das Heute nicht. Beschränkst du dich auf die aktuellen Nachrichten, dann erzählst du Märchen, denn dann berichtest du, was du unterm Mikroskop siehst, obwohl du eigentlich ein Fernglas bräuchtest. Deswegen halte ich auch nichts von Journalistenschulen. Da lernt man nämlich das Gegenteil von dem, worum es geht, da lernt man Technik: Wie man einen Artikel anfängt, wie ein guter Schluss aussieht und wie man seine Sachen am schnellsten abschickt. Was man aber wirklich braucht, ist vor allem ein vielseitiges Grundwissen. …

Das Fernsehen hat die Konzentrationsfähigkeit der Menschen dermaßen reduziert, dass auch die Zeitungen nur noch Behälter sind, in denen sich zwar alles Mögliche findet, aber nichts, was mehr als drei Minuten Aufmerksamkeit erfordern würde. … Was zählt, ist Aufsehen zu erregen. Bloß nicht in die Tiefe gehen! Lieber etwas inszenieren: Ein Aufmacher mit Foto, eine spektakuläre Geschichte, Ende der Vorstellung. …

Natürlich wird der journalistische Auftrag dabei enorm abgewertet. Was ich, was wir alle damals taten, wäre heute, glaube ich, gar nicht mehr möglich: Es gibt keinen Platz mehr dafür.“

Dennoch: Dem SPIEGEL drückt er seine tiefe Dankbarkeit aus, denn der gab ihm „Arbeit und Freiheit“. Auch durch den SPIEGEL konnte er sich sein „Leben erfinden“, wie er es wollte.

Liebe Leserinnen und Leser, gönnen Sie sich dieses Buch. Ich werde es gewiss noch einmal tun.

Tiziano Terzani, Folco Terziani (Interviewer, Herausgeber): Das Ende ist mein Anfang. Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens, 7. Auflage, DVA/SPIEGEL Buchverlag, 2007, 413 Seiten, 19,95 Euro

Zur Person: Tiziano Terzani – Aufsteiger mit Fernweh

Interviewprotagonist Tiziano Terzani, geboren 1938 in der Florentiner Sozialsiedlung Monticelli, schaffte es aufs Gymnasium, studierte Jura, sammelte währenddessen erste journalistische Erfahrungen und verkaufte danach zunächst Schreibmaschinen für den Olivetti-Konzern. Für diesen durfte er erstmals nach Asien reisen – ein Zünder für Terzanis spätere Entwicklung. Bald studierte er nochmals, nun Sinologie und Geschichte in New York sowie, 1968, Hochchinesisch in Kalifornien. Längst war er fasziniert von der chinesischen und anderen asiatischen Kulturen, die neben seiner deutschen Ehefrau und seinen beiden Kindern die Liebe seines Lebens werden sollten. Schnell wusste er, dass er sie vor Ort entdecken wollte, statt weiterhin nur in Universitätsbibliotheken.

Entdecker, Denker, SPIEGEL-Autor

Auf der Suche nach einer Redaktion, die ihn als Korrespondent nach Asien schicken würde, traf er 1971 SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein, der Terzani zunächst nach Singapur schickte. Fortan berichtete der Italiener von den Fronten des Vietnam-Kriegs; dort erlebte er 1975 die Befreiung Hanois durch die Vietcong im Zentrum der Geschehnisse. 1978 berichtete er aus dem Innern des Krieges zwischen Vietnam und Kambodscha. 1980 erfüllte der SPIEGEL ihm seinen Lebenstraum: Terzani durfte mit seiner Familie nach Peking ziehen, um dort der erste westliche Korrespondent im maoistischen China zu werden. Nach vier Jahren musste er das Land wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ verlassen – der schwerste Schlag in seinem Berufsleben.

Terzani wechselte ins japanische SPIEGEL-Büro nach Tokio, wo er vor allem am überbordenden Konsumismus der Japaner verzweifelte. Dort, in Tokio, verortet Terzani im Buch-Gespräch mit seinem Sohn Folco gar den Ursprung seiner späteren Krebserkrankung. Er litt. Denn in Japan fühlte sich der Mann, der die Freiheit liebte, so unfrei wie noch nirgendwo. 1990 verließ er die Stadt und zog mit der Familie in die thailändische Hauptstadt Bangkok. Im Sommer 1991 befand er sich während des Putsches gegen Michael Gorbatschow an der chinesisch-sowjetischen Grenze, flog von dort aus nach Moskau und besichtigte in den folgenden Monaten neun der 15 Sowjetrepubliken auf allen möglichen Verkehrswegen.

1993 bereiste er wiederum Asien, diesmal ohne zu fliegen, sondern mit einfachen Verkehrsmitteln und zu Fuß. 1994 zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Delhi, um für den SPIEGEL über Indien zu berichten. 1996, nach 25 Korrespondentenjahren, mehr als 200 SPIEGEL-Reportagen und mehreren vielgelesenen Büchern, kehrte er dem Journalismus den Rücken.

Kurz danach, 1997, wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. 1999 zog er sich mehrere Monate in den indischen Himalaya zurück, wo er in einem buddhistischen Kloster schrieb, malte und den Krebs behandeln ließ. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York flog er ein letztes Mal an den Ort des Geschehens, um über die USA und den Krieg in Afghanistan zu berichten.

2003 zog er sich in sein Haus im Orsigna-Tal im toskanischen Apennin zurück, um das Buch „Noch eine Runde auf dem Karussell“ zu schreiben. Darin setzt er sich mit seiner Krankheit und dem modernen Menschen auseinander – immer den Sinn des Lebens im Blick, vor dem Hintergrund des unausweichlichen Todes. Im Juli 2004 verließ Tiziano Terzani seinen Körper, wie er den Tod selbst gern beschrieb. Er starb dort, wo er es wollte: im Orsigna-Tal.

 * Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.