Journalistenausbildung: Was Tim Farin dort erlebt

„Ich höre sogar, dass der Aufwand möglichst gering gehalten werden soll.“

In der Journalistenausbildung zeigt sich, wie ernst Redaktionen die Stilform Interview nehmen. Interviewdozent Tim Farin* über eine unterschätzte Darstellungsform, überraschte Volontäre, tolle Abschlussfeedbacks und Redaktionen, die ihren Volos ein paar gute (!) Interviews mehr zutrauen sollten

Von Mario Müller-Dofel**, im November 2014 (doch aktuell wie eh und je)

Journalistenausbildung - Fragetechniken
Interviewdozent Tim Farin: „Trotz harter Arbeit jede Menge Spaß“ (Foto: Privat)

Mario Müller-Dofel: Tim, was verbinden Volontäre mit dem journalistischen Interview, wenn sie in Deine Seminare kommen?
Tim Farin:
Meiner Erfahrung nach – und etwas zugespitzt gesagt – verbinden viele Volontäre damit kurze Gespräche oder ein paar Fragen per E-Mail, aus denen später Artikel in der Zeitung werden.

Selbst für die Journalistenausbildung ist das ein bisschen wenig, oder?
Zumindest haben zu Seminarbeginn relativ wenige Volontäre auf dem Schirm, dass das journalistische Interview eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe ist, wenn man es gut machen will.

Wie wirkt sich das auf die Erwartungen der Volontäre aus?
Die sind im Schnitt entsprechend niedrig. Man geht den Kurs halt an, weil er im Seminarplan für Volontäre in der Journalistenausbildung steht.

Was sagt Dir das über den Stellenwert von Interviews in den Redaktionen, aus denen die Volontäre kommen?
Quantitativ hat das Interview einen hohen Stellenwert. Die Redaktionen veröffentlichen ja viele. Allerdings scheint die Qualität weniger wichtig zu sein. Volontäre erzählen mir immer wieder, dass in ihren Redaktionen weder die Interviewvorbereitung, noch die Kommunikation mit Interviewpartnern oder die Nachbereitung von Gesprächen diskutiert wird. Ich höre in der Journalistenausbildung sogar, dass der Aufwand für Interviews möglichst gering gehalten werden soll.

Enttäuscht Dich das?
Selbstverständlich. Aber ich tröste mich damit, dass das nicht auf jede Redaktion zutrifft und die Volos mir solche Dinge ja nur deshalb verraten, weil sie im Seminarverlauf merken, dass hinter dem Thema Interview viel mehr steckt als ihnen es bislang bewusst war. Wenn sie das merken, habe ich als Dozent etwas bewirkt und freue mich darüber.

Was erhoffen Volontäre sich zu Beginn der Interviewseminare?
Die meisten interessiert anfangs vor allem, wie sie mit möglichst wenig Vorbereitung gute Interviews führen und mit welchen Fragen sie Interviewpartner steuern und aus der Reserve locken können.

Solche Fragen hast Du auf Lager?
Die Fragen dafür gibt’s nicht, weil jeder Journalist und jeder Interviewpartner anders ist. Und ohne Vorbereitung gibt’s natürlich auch kein gutes Interview. Hinter der Hoffnung, dass das doch klappt, steht leider die Absicht, als Interviewer Wissen vorzutäuschen. Das ist ziemlich daneben, hat mit Qualität nichts zu tun. Das Positive daran ist, dass ich in der Journalistenausbildung richtig viel leisten, nämlich das Wissen über journalistische Interviews und zwischenmenschliche Kommunikation deutlich erweitern kann. Dadurch steigt dann schnell auch der Anspruch der Volos. Die Worte „Vorbereitung“ und „Interviewziel“ zum Beispiel predige ich pro Seminar gefühlte 300 Mal (lacht).

Was machst Du sonst noch?
Neben der theoretischen Basis sind Rollenspiele, Interviewübungen vor der Kamera und Gruppenfeedbacks ganz wichtig.

Mögen Volontäre die Übungen?
Vorher fragen sie immer ganz skeptisch, ob das wirklich sein muss. Dann sage ich: Ja, muss sein. Nach den Übungen sind sie happy, weil Selbstreflektion und Gruppenfeedbacks auf Basis von Kameraaufnahmen richtig viel bringen. Manche Volos spielen sogar mal Pressesprecher und empfinden zum ersten Mal nach, wie sich Interviewte fühlen, wenn sie von Journalisten befragt werden. Die Videoübungen sind das Highlight der Interviewseminare.

Was mögen Volontäre weniger?
Die Theorie.

Dann, äh, raus damit?
Nix da! Hey, wir reden über Journalistenausbildung! Auf ihr baut die Praxis auf. Aber ich achte auf eine gute Mischung aus beidem.

Welche Defizite haben Zeitungsvolontäre typischerweise bei der Gesprächsführung?
Zum Beispiel unnötige Erfahrungsdefizite, aus denen sich handwerkliche Fehler ergeben. Immer wieder höre ich von Volos, dass ihre Redaktionen sie zu wenige Interviews führen lassen. Aber wie sollen sie sonst lernen? Ihnen fehlen Übung und gute Interviewer, die sie bei der Vor- und Nachbereitung von Interviews mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zudem habe ich den Eindruck, dass manche Volos sich lediglich während der Regelarbeitszeit engagieren möchten. Dabei täte es der Interviewqualität häufig sehr gut, wenn Interviewer auch mal ein paar Extra-Stunden in beispielsweise die Vorbereitung investierten.

Wundert Dich die begrenzte Einsatzbereitschaft?
Sagen wir so: Wird die Interviewqualität in einer Redaktion vernachlässigt, ist das für anspruchsvolle Interviewer demotivierend. Da es in den Interviewseminaren nur um Qualität geht, haben wir trotz harter Arbeit auch jede Menge Spaß.

Nochmals zur Interviewsituation an sich, zur Gesprächsführung. Welche handwerklichen Mängel sind unter Volontären verbreitet?
Die Formulierung vieler Fragen passt oft nicht, weil Seminarteilnehmer mit einem Gefühl der Kritik in Interviews gehen. Das heißt, sie empfinden einen Missstand, den sie aber nicht belegen können, und kritisieren ihren Interviewpartner, ohne die Kritik mit starken Fakten stützen zu können. Daraufhin fühlen sich Interviewte zu Unrecht angegriffen, machen innerlich dicht und werden konfrontativ, ohne dass dies der Interviewer beabsichtigt hat. Außerdem sind viele Fragen unkonkret und ziellos.

Was überrascht Volontäre am meisten?
Wie ihre Körpersprache auf die eigene Präsenz und auf Interviewte wirkt. Das geht schon bei der Begrüßung los. Viele vergessen auch, bewusst etwas für eine gute Gesprächsatmosphäre zu tun und sind über die negativen Folgen überrascht.

Was ist so eine negative Folge?
Beispielsweise, dass ein Journalist in einer schlechten Gesprächsatmosphäre noch so viele kluge Fragen stellen kann – die Antwortqualität wird schlechter sein als in guter Atmosphäre. Da gibt es richtige Aha-Erlebnisse für die Volos, insbesondere wenn sie externe Interviewpartner im Seminar interviewen.

Was können junge Interviewerinnen besser als ihre männlichen Volo-Kollegen?
Ich meine, dass viele junge Journalistinnen körpersprachliche Signale ihrer Interviewpartner sensibler wahrnehmen und geschickter darauf eingehen. Männliche Volontäre sind mitunter stärker darin, ihre Gesprächsziele zu verfolgen und dafür echte Führung im Gespräch zu übernehmen.

Was wollen Volontäre nach Deinen Seminaren an ihrer Interviewstrategie ändern?
Die meisten wollen sich künftig gewissenhaft vorbereiten, sich individuell auf Interviewpartner einstellen und ihnen besser zuhören. Auch höre ich oft, dass Teilnehmer sich rückblickend mit ihren Interviews beschäftigen, also den Prozess reflektieren wollen.

Bist Du damit am Ende der Journalistenausbildung zufrieden?
Na klar, und wie!

Tim, danke für das Gespräch und viel Erfolg für das nächste Interviewseminar.

* Tim Farin ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“. Als Dozent gibt er seit unter anderem Interviewseminare für Volontäre.

** Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals „Alles über Interviews“.