Wo FAS-Mann Rainer Hank im „Wirtschaftsjournalist“ falsch liegt

Rainer Hank - Müller-Dofel

„Der CEO erwartet, dass mindestens zwei Journalisten zum Gespräch kommen”

In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Wirtschaftsjournalist“ beantwortet FAS-Wirtschaftsressortleiter Rainer Hank unter anderem Interviewfragen zur Inszenierung von Macht. Sehr interessant. Doch mit einigen Antworten über Interviews mit Konzernvorständen liegt er falsch.

Von Mario Müller-Dofel*, im Oktober 2017

Rainer Hank - Müller-Dofel
Branchengröße: Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen der FAS, im Interviews (Foto: Wirtschaftsjournalist, Oberauer Verlag)

Das Fazit vorweg: Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft und Finanzen bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), macht bei den unten eingeordneten Interviewantworten einen Fehler, der unter Journalisten verbreitet ist: Er beschreibt individuelle, persönliche Erfahrungen so, als wären sie allgemeingültig. Hätte Rainer Hank mehr differenziert, wäre er der Realität näher gekommen. Weil ich seine Aussagen mit meinen Erfahrungen aus über 100 CEO-Interviews abgleiche, erlaube ich mir, sie bewusst subjektiv und ausnahmsweise in Ich-Form zu notieren:

Über die „erwartete“ Anzahl von Journalisten bei Vorstandsinterviews

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One-to-One: Müller-Dofel im Interview mit Fresenius-Medical-Care-Chef Ulf Schneider (rechts, heute Nestlé-Chef) (Foto: Axel Griesch für €uro)

„Wirtschaftsjournalist“-Chefredakteurin Susanne Lang fragt Rainer Hank: „… Macht braucht also Inszenierung. Welche Rolle spielen Journalisten dabei?“

Rainer Hank antwortet: „Nehmen Sie noch einmal Interviews von Journalisten mit Wirtschaftsbossen. Dabei handelt es sich in hohem Maße um Inszenierungen der Macht. Erstens: Der CEO (Anm.: Vorstandschef) erwartet, dass mindestens zwei Journalisten zum Gespräch kommen. Wenn nur einer kommt, kann er ja nicht wichtig sein. Meistens muss eine Schulterklappe dabei sein, also mindestens der stellvertretende Ressortleiter.“

Kommentar zur Interviewantwort von Rainer Hank:

Das kann so pauschal nicht stimmen. Ich habe in meiner bisherigen Interviewer-Laufbahn auch DAX- und MDAX-Chefs fast immer alleine interviewt – also ohne, dass ein Redaktionskollege bzw. eine -kollegin dabei war. Und nie hat ein Pressesprecher (geschweige denn ein Vorstandschef) die Erwartung geäußert, dass zwei Interviewer zum Gespräch anrücken.

Mag sein, dass irgendwann ein Pressesprecher, der das Interview auf Unternehmensseite vorbereitet hat, im Vorgespräch vorsichtig nachgefragt hat, ob ich alleine oder mit Kollegen interviewe. Doch nicht einmal daran kann ich mich konkret erinnern. Kleiner Tipp für Interviewer: Formulieren Sie immer schon in der Interviewanfrage, also beim Erstkontakt, klar und deutlich, ob Sie alleine oder mit Redaktionskollegen und/oder einem Fotografen in die Interviewsituation gehen. So steuern Sie die Erwartung – und nicht der Pressesprecher oder CEO. In meiner Praxis war diese Vorgehensweise für die Unternehmen bislang immer okay.

Warum oft mehrere Journalisten zu Interviews mit „Mächtigen“ gehen

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One-to-One: Interview mit BVB-Boss Hans-Joachim Watzke (links, Foto: Axel Griesch für €uro)

Meine Erfahrung ist, dass mehrere Interviewer vor allem aus zwei – journalisten-spezifischen – Gründen bei hochrangigen Interviewpartnern erscheinen. Ich nenne Interviews mit mehr als zwei Journalisten „Audienzen“.

Grund 1 für „Audienzen“: Die Interviewthemen berühren mehrere Redaktionsressorts. Deshalb möchten Vertreter derselben auch beim Interview dabei sein. Beispiel: Beim Interview mit einem Automobilkonzern-CEO könnten die Themen Technik/Innovation, Logistik, Umwelt, Arbeitsmarkt und Karriere/Management zur Sprache kommen. Und da viele Journalisten Fragen zum eigenen Themenbereich auch persönlich vor Ort stellen möchten, gehen Sie halt mit zum Interview. Ob ein Interview mit zwei, drei, vier oder gar fünf Interviewern (gibt’s alles!) gesprächstaktisch clever ist oder nicht, spielt dann keine Rolle.

Welche Fehler Interviewteams immer wieder machen, lesen Sie im Beitrag „Interviewteams und ihre Schwächen“.

Grund 2 für „Audienzen“: Führungspersonal wie Ressortleiter und Chefredaktionsmitglieder wähnen sich selbst wichtiger, wenn sie – auch räumlich – in der Nähe der Macht sind. Sie gehen dann (oft zum Leidwesen des für das Interview zuständigen Redakteurs) mit zu den Interviewterminen. Dort schütteln sie dem „mächtigen“ Interviewpartner dann mächtig die Hand. Und wenn sie ihre Eitelkeit nicht in Zaum halten können, nehmen die Redaktionsmächtigen dem Redakteur, der den Interviewtermin vereinbart und inhaltlich vorbereitet hat, nach ein paar Minuten das Gespräch aus der Hand. Auch dies schadet der Interviewqualität oft mehr als es ihr nützt. Auch dies habe ich – vor allem als junger Journalist – häufig erlebt.

Schade, dass Rainer Hank im Interview mit Susanne Lang nicht die Machtinszenierungen durch Journalisten thematisiert hat. Denn – nicht vergessen! – bezüglich des Tenors der Berichterstattung sind Journalisten viel mächtiger als Konzernvorstände. Und gut beratene Vorstände werden einen Teufel tun, journalistische Machtinszenierungen durch die eigene herauszufordern. Zumindest gegenüber Journalisten, die sich gerne selbst auf großen Bühnen inszenieren, gingen Vorstände dann ein unnötiges Risiko ein.

Wie es um das Interview-Zeitbudget der „Mächtigen“ steht

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One-to-One: Interview mit FDP-Chef Christian Lindner (rechts, Foto: Axel Griesch für €uro)

Weiter sagt Rainer Hank im Wirtschaftsjournalist-Interview: „Zweitens, ein CEO hat nie mehr als eine Stunde Zeit. Völlig egal, ob gerade viel oder weniger zu tun ist. Mächtige zeigen, dass sie mit ihrer Zeit haushalten müssen. … Der CEO muss deutlich machen: Ich habe für Journalisten maximal eine Stunde Zeit.“

Kommentar zur Interviewantwort von Rainer Hank:

Die von Rainer Hank angesprochen „maximal eine Stunde“ mag bei seinen Interviews stimmen – allgemeingültig ist aber auch diese Aussage nicht.

Grund 1 für längere Zeitbudgets: Vorstände nehmen sich mitunter von vorn herein deutlich mehr Zeit für Journalisten – zum Beispiel, wenn TV-Aufnahmen erledigt werden müssen. TV-Interviews sind deutlich aufwendiger sind als Printinterviews, weil oft auch dokumentarische Bilder gedreht werden müssen, bei denen der Firmenchef beispielsweise durch ein Bürohaus, eine Produktionsanlage oder ein Forschungslabor läuft und dort Interviewfragen beantwortet, die in diese Umgebungen passen.

Grund 2 für längere Zeitbudgets: Für meine Print-Interviews wünsche ich mir meist 60 Minuten Gesprächszeit, die mir in 90 Prozent der Anfragen gegeben werden. Hinzu kommen – wenn ein Fotograf dabei ist – ungefähr 15 Minuten für Porträtaufnahmen. Schauen Sie mal bei dem erstklassigen  Interviewfotografen Axel Griesch, was bislang dabei herausgekommen ist. Somit sind wir schon bei 75 Minuten Interviewzeit, die der Vorstand zur Verfügung steht. Mitunter überzog ich das verabredete 60-Minuten-Gesprächszeitbudget auch, weil der CEO es so wollte. Dann wurde es 90 Minuten Zeitaufwand für den Interviewten.

Sind wirklich immer zwei Vorstands-Begleiter im Interviewraum?

Weiter sagt Rainer Hank im Wirtschaftsjournalist-Interview: „Wenn die Zeitung zu zweit vertreten ist, dann wird der CEO auf jeden Fall auch von zwei Begleitern eskortiert.“

Kommentar zur “CEO-Eskorte”:

In „jedem Fall“? Auch das wäre mir neu, immerhin bin ich in den vergangenen 17 Jahren auch ab und zu mit Kollegen bei CEO-Interviews gewesen. In aller Regel war auch in diesen Fällen nur ein Pressesprecher im Interviewraum. Gut beratene Vorstände belassen es dabei, weil sie wissen, dass sie selbst schnell ein bisschen albern aussehen, wenn sie mehr Begleiter auffahren. Dann wirken sie auf Journalisten, als könnten sie nicht selbst auf sich aufpassen. Und das würde so gar nicht zu einem „Mächtigen“ passen.

Anders ist es freilich, wenn es nach dem Interview noch gemeinsam zum Steak in die Kantine geht. Da sitzen zwei oder mehr Journalisten schon mal noch mehr Pressestellen-Vertreter gegenüber, damit auch wirklich keinem Journalisten langweilig wird. 😉

Gesprächszeit „unterziehen“? Wie geht denn das?

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One-to-One: Interview mit Solarworld-Gründer Frank Asbeck (links, Foto: Axel Griesch für €uro)

Weiter sagt Rainer Hank im Wirtschaftsjournalist-Interview: „… Die Chefin des Maschinenbauunternehmens Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, hatte uns einmal zwei Stunden eingeräumt für ein Doppelgespräch mit einer Schriftstellerin. Schon nach 50 Minuten waren wir durch. Da sagte Frau Leibinger in ihrem Schwäbisch: ‚Gell jetzt fällt Ihnen auch nichts mehr ein, gell wir sind schnell.“ Dann haben wir uns verabschiedet. Das passiert sonst nie. Die Regel ist: Man darf nicht überziehen, aber man darf auch nicht unterziehen.“

Kommentar zum „Unterziehen“:

Dass ein Überziehen möglich ist, wenn der CEO (oder ein anderer Interviewpartner) das Interview für interessant genug hält, habe ich oben erläutert. Dass Journalisten nicht „unterziehen“ dürfen, kann ich nicht beurteilen, weil es nie erlebt habe. Wenn ein Interviewer sehr gut vorbereitet ist, echtes Interesse am Sachthema hat und neugierig auf die Persönlichkeit des Interviewten ist, hat er schließlich Fragen für drei Stunden Interviewzeit im Kopf.

Bleibt zu hoffen, dass Rainer Hank bei seine Interviewerfahrungen im “Wirtschaftsjournalist”-Interview lediglich arg zu gespitzt hat. Allgemeingültig sind sie nicht.

Mario Müller-Dofel ist Mitinitiator des Wissensportals “Alles über Interviews”.